Sektion Rosenheim

DAV

des Deutschen Alpenvereins e. V.
   

Heinz Heidenreich

Eine Ära ging zu Ende

Die DAV-Sektion Rosenheim trauert um ihr Ehrenmitglied Heinz Heidenreich, der mit 88 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben ist.

1958 gründete der Extrembergsteiger die Tourengruppe und hat über Jahrzehnte die Sektion entscheidend geprägt. Mit ihm erlebten tausende von Mitgliedern Großartiges auf jährlich rund 100 Bergfahrten. Dabei spann Heidenreich den Bogen von einfachen Bergwanderungen bis hin zu anspruchsvollen Hochtouren in allen Gebieten der Alpen.Sommers wie winters war er unterwegs, ob auf Ein- oder Mehrtagestouren, auf Urlaubsfahrten in die Schweizer Skigebiete, zum Ferienlager auf Korsika, zu den Sektionsfreunden nach Briançon und vor allem der italienischen Bergsteigersektion Arco im nahen Trentino.

Er hat eine Entwicklung eingeleitet, die für immer mit seinem Namen verbunden sein wird, denn aus einem Hüttenverein ist ein Bergsteigerverein geworden. Heute ist die Tourengruppe das schlagende Herz der Sektion, aus der diese ihr ganzes Leben bezieht.

Sein Ehrenamt als Tourenreferent hat er nicht nur für sich selbst gelebt, sondern es in bewährte Hände weitergegeben. Seine Nachfolger, von Peter Keill bis hin zu Christoph Schnurr, hocherfahrene Bergspezialisten, führten und führen in seinem Sinne, nach seinem Vorbild.

Heidenreich war ein Glücksfall für die Sektion. In ihm verband sich das Souveräne, Entschlossene mit dem Humor- und Gemütvollen.

[...]Alle, die sein Bergsteigerleben mit ihm teilen durften - nicht zuletzt die Verantwortlichen der DAV-Sektion Rosenheim, können Ihm nur «Danke» sagen.

(OVB am 10.10.07).

Trauerrede vom Sektionsvorstand Franz Knarr
auf der Beerdigung am 10. Oktober 2007

Liebe Christl, liebe Familien Seidl und Heidenreich,
verehrte Trauernde, Bergfreunde und Sektionsmitglieder

Am 20. Oktober 1983 hat die DAV-Sektion Rosenheim, Herrn Heinz Heidenreich, in Würdigung seiner großen Verdienste um die Förderung des Bergsteigens, die Ehrenmitgliedschaft verliehen. 35 Jahre vorher hat er die Tourengruppe gegründet, die unter seiner Führung mit rund 100 Bergfahrten jährlich, einen ungeahnten Aufschwung nahm. Und zu seinem Achtzigsten, vor fast 8 Jahren, waren es über 600 Gipfel an 1263 Tagen mit 14045 Teilnehmern. In all den Jahren seines Wirkens, hat er die Sektion entscheidend geprägt und Entwicklungen eingeleitet, die für immer mit seinem Namen verbunden sein werden. Und nun hat er uns, kurz vor der Ehrung zu seinem 70-jährigen DAV-Jubiläum, im 89. Lebensjahr, verlassen.

So förmlich muss man es sagen – aber unserem Heinz würde das so allein nicht gefallen. Ihm, dem heiteren, gemütvollen, souveränen und entschlossenen, dem der weite Himmel über den Bergen schon zu Lebzeiten immer offen stand.
In der Traueranzeige habt ihr, lb. Christl und Ilse so trefflich formuliert: „Und immer sind irgendwo Spuren deines Lebens – Gedanken, Bilder, Augenblicke und Gefühle.
Sie werden uns immer an dich erinnern“.

So werds sei: Spuren seines Lebens werden uns lange, lange Zeit begleiten. Heinz,
unser Urgestein, unser Extrembergsteiger, unser Bergfex, unser Lehrmeister, unser Gestalter des Tourenwesens. Ob Kirchweihmontag, Tourenabschied, Weihnachtsfeier, Fasching oder Pfandlschartn, Fahrten zu den französischen und italienischen Bergfreunden bis zu den Ferienlagern auf seiner geliebten Insel Korsika, von der er, wie es scheint, kürzlich noch selbst dort Abschied nahm, – überall sind seine Spuren. Mia ham grod z’doa, dass wir gemeinsam des dapackan, was er so scheinbar leicht geschultert hat. Eine Ausnahme für sich. Und olle hot er uns mitkemma lossn.

Er hat uns an die Hand genommen, aber nicht mit dem Gefühl, von ihm abhängig zu sein, sondern immer darauf bedacht, dass der Einzelne die Eigenverantwortlichkeit nicht aus dem Auge verliert. Das war seine Kunst. Er mittendrin und olle anderen auch. Jeder nahm letztlich von seiner Tour mit dem Heinz die eigene Leistung in der stolzen Brust mit nach Hause.

Deshalb haben wir Heinz so sympathisch in unser Herz geschlossen und so wirds auch bleiben. Dass unter uns so viele auch den echten Freund Heinz zu Grabe tragen, ist unausweichlich und wird ihn noch intensiver weiter bestehend machen. Im
Geiste sehen wir ihn mit seinem weißen Kappe, am Gipfel sitzend – vor einer Hütte
rastend – a Glasl trinkend – Pfeiferl oder Zigarrl rauchend und nicht selten mit der Gitarre a zünftigs Bergsteigerliadl anstimmend.

Heinz machs guat do drom - schau auf uns owa von o’m
Mia song „Pfia Gott“ – noch deiner Art Dir – ois unsern großen Tourenwart.

Beerdigungsansprache für Heinz Heidenreich

gehalten von Pfr. Stefan Hradetzky
am 10.10.2007 in der ev.-luth. Apostelkirche Rosenheim

Liebe Frau Heidenreich , liebe Angehörige, sehr geehrte Trauergäste,

Heute nehmen Sie Abschied von Heinz Heidenreich. Er wurde am 9. Juli 1919 in Degerndorf bei Brannenburg geboren. In Brannenburg verbrachte er eine glückliche Kindheit. Die Bergbegeisterung seiner Eltern sprang bald auf ihn über. Sein Vater war einer der ersten Skifahrer in der Region und war zu jeder Jahreszeit in den Bergen unterwegs. Heinz Heidenreich hatte noch eine ältere Schwester, sie starb erst vor vier Wochen im hohen Alter von 91 Jahren.

Als Jugendlicher besuchte Heinz Heidenreich das Gymnasium in Schliersee, wo er auch das Abitur machte. Aufgrund des politischen Aufstiegs des Hitler-Regimes blieb es nicht aus, dass er Kontakt zur Hitlerjugend bekam. Ab 1936 - Heinz Heidenreich war gerade mal 17 - wurde die Mitgliedschaft in den Jugendorganisationen der NSDAP ohnehin Pflicht. Ziel war, die Jugendlichen durch ein attraktives Programm, im Sinne der NS-Ideologie zu prägen, man könnte aus heutiger Sicht auch sagen: zu verblenden. Doch in einem totalitären Staat gibt es kein Entrinnen und so begeisterte sich auch Heinz Heidenreich für die Hitlerjugend. Vor allem die Gemeinschaft, die sportlichen Aktivitäten und das Segelfliegen hatten es ihm angetan - wer kann da widerstehen?

Die Verführungstaktik ging auf und Heinz Heidenreich meldete sich 1938 freiwillig zum Kriegsdienst. 1939 rückte er als 20jähriger (!) in den Krieg ein, der ihn quer über den europäischen Kontinent führte: Frankreich, Belgien, Kaukasus, Ukraine - allein die Liste seiner Einsatzorte lässt den Wahnsinn und die Selbstüberschätzung des NS-Regimes ahnen. Als Heinz Heidenreich 1949 durch einen Lungenschuss verletzt wurde, stand sein Leben auf Messers Schneide - doch er überlebte. Fast wäre auch er ein Opfer des sinnlosen Krieges geworden.

Mehr als 17 Millionen gefallener Soldaten auf alliierter, über vier Millionen auf deutscher Seite gehören zur Bilanz des Dritten Reiches. Insgesamt sind weit über 50 Millionen Tote das Ergebnis nationalsozialistischer Herrschaft in Europa.1

Ich sage das nicht, um anzuklagen, sondern weil es zur Zeit und zum Leben von Heinz Heidenreich dazugehörte. Uns, der jüngeren Generation, ist es aufgegeben, von den Alten zu lernen. Das schließt Fehler und Leistungen in gleicher Weise mit ein. Nur wenn wir beides sehen, nehmen wir die richtig ernst, die uns vorausgegangen sind.

Bei Kriegsende schaffte es Heinz Heidenreich im letzten Augenblick, aus der russischen in die amerikanische Besatzungszone zu gelangen. Nachdem das geordnete zivile Leben langsam wieder anlief, begann er, in München Vermessungswesen zu studieren.

Nach erfolgreichem Abschluss arbeitete er kurze Zeit in Würzburg, wechselte dann aber bald zum Rosenheimer Vermessungsamt, wo er seinen Bergen wieder näher sein konnte.

1951 heiratete er Lilli Krojer, im Jahr darauf wurde Tochter Ilse geboren. Ihr folgten später zwei Söhne, Heinz und Klaus. Die Freude am Leben in der Natur prägte auch das Familienleben: Im Sommer ging es mit VW Käfer und Zelt nach Italien und Jugoslawien.

In seiner Freizeit war Heinz Heidenreich so oft es ging in den Bergen unterwegs. Seine Touren führten ihn dabei manchmal auch an lebensbedrohliche Grenzen. In Frankreich stürzte er in eine Gletschernebenspalte und konnte sich nur mit viel Glück selbst wieder befreien. Eine Expedition im Hindukusch musste abgebrochen werden, nachdem zwei Teilnehmer in einer Lawine ums Leben gekommen waren. Die zahlreichen Bergerlebnisse, schöne Momente wie schreckliche, füllen ein ganzes Buch voller Memoiren, in dem Heinz Heidenreich seine Erfahrungen für die Nachwelt festgehalten hat.

Besonders fest verbunden war er mit der Rosenheimer Sektion des Alpenvereins. In seiner über 40jährigen Tätigkeit als Tourenführer hat über 600 Gipfel bestiegen2. Bald hätte er sein 70jähriges Mitgliedschaftsjubiläum feiern können.

Nicht nur als Bergsteiger, auch im Beruf erreichte Heinz Heidenreich die Ziele, die er sich gesteckt hatte. In den letzten Jahren seiner Berufstätigkeit war er Vermessungsdirektor im Vermessungsamt Wasserburg. Den Eintritt in den Ruhestand beging er 1983, indem er sich an der Außenwand des Vermessungsamtes abseilte - ein Zeichen für seine Unternehmungslust, aber auch für seine manchmal fast lausbübisch-freche Art, mit der er das Leben sah.

Seine Ruhestandsjahre nutze er so gut es ging, um seinem Hobby, dem Bergsteigen, weiter nachzugehen. Dass es keine Selbstverständlichkeit ist, bis ins hohe Alter fit zu sein, war ihm dabei sicher bewusst. Vor vier Jahren starb seine erste Frau Lilly nach langer Krankheit im Alter von 83 Jahren.

Dass er danach noch einmal heiratete, zeugt von seiner großen Lebensfreude und seiner Unternehmungslust. Obwohl seine Kraft altersgemäß in den letzten Jahren nachgelassen hatte, war er im März noch beim Skifahren. Im Juni stellten sich plötzlich starke Schmerzen im Brustraum ein, die durch zusammenfallende Wirbel verursacht wurden.

Nach mehreren Operationen und starken Schmerzen starb Heinz Heidenreich am 6.10.07 im Alter von 88 Jahren.

Wer ihn kannte, der wird seine gesellige und lebensfrohe Art vermutlich nie vergessen. Heinz Heidenreich sammelte Witze, Gedichte und Lieder, um sie bei nächster Gelegenheit parat zu haben und zum Besten zu geben. Seine Kontakte reichten bis nach Italien, wo er eine Partnerschaft mit dem Alpenverein Arco pflegte.

Es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen von einem lebensfreudigen Menschen, der so viele andere begeistern und mitreißen konnte. Und doch können sie heute auch dankbar sein. Dankbar für alles, was Sie mit Heinz Heidenreich erleben und teilen durften.

Es fällt schwer, einen Menschen am Ende des Lebens gehen zu lassen. Denn jeder Mensch ist einzigartig wie ein Fingerabdruck. Es gibt es ihn kein zweites Mal. Wenn wir Abschied nehmen müssen, werden wir an diese wunderbare Einzigartigkeit erinnert. Sie macht das aus, was uns jetzt fehlt.

In dieser Einzigartigkeit liegt vom Anfang unseres Lebens an unser unschätzbarer Wert. Jeder Mensch ist vor Gott wertvoll, geliebt und hoch geachtet - mit all seinen Fähigkeiten und Fehlern. Gott kennt uns und begleitet uns. Er, der uns gewollt und geschaffen hat, lässt uns nie allein. So erlebt es der Beter des 91. Psalms:

Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. (Ps. 91,11)

Gott begleitet uns, weil er uns geschaffen hat und wir ihm wertvoll sind. Wertvoll in unserer Einzigartigkeit, die so wunderbar ist wie ein Fingerabdruck - und gleichzeitig so zerbrechlich wie ein Engelsflügel.

Diese Zusage, dass Gott uns begleitet, gilt für alle Wege. Für die heiteren und leichten, aber auch für die schweren Wege, die wir manchmal gehen müssen. Obwohl es Stufen und Hindernisse auf diesem Weg gibt: Gott wird uns davor bewahren, dass wir uns den Fuß an einem Stein stoßen. Als Bergsteiger wissen sie, was das bedeutet. Das heißt nicht, dass es keine Steine und Stufen geben wird. Aber wenn uns das Leben einmal einen schwierigen und steinigen Weg führt, dann sind wir nicht allein. Gott geht an unserer Seite mit.

Unser Leben ist wie eine Reise, die bei Gott ihren Anfang nimmt - und bei ihm ihr Ziel findet. So ist unsere Rückkehr zu Gott auch ein neuer Anfang. Von ihm werden wir eines Tages verwandelt zum ewigen Leben. Das ist der Grund, warum Gott seinen Engeln befiehlt, uns zu behüten: Nicht nur, damit wir in unserem Leben behütet und geleitet sind, sondern auch, dass wir uns unterwegs nicht zu fürchten brauchen - und eines Tages gut bei ihm ankommen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfarrer Stefan Hradetzky
Lessingstr. 26
83024 Rosenheim
stefan.hradetzky@gmx.de