Sektion Rosenheim

DAV

des Deutschen Alpenvereins e. V.
   

"Mir san mir"

Oder nochmal in Arco und
drum rum mit Heinz 21. - 22.06.03

 

Text und Bilder: Gotthard Weiser

Begangen wurden: Der Collodri-Steig, der Cima-Capi-Steig und Via Amicitia von Riva über die Chiesa Santa Barbara.

 

"Mir san mir"... was soll das heissen in Arco? Wir werdens noch hören. Ich hab "last minute" bei Heinz eingecheckt. Wir sind 41 mit Strahlhuber (der hat seinen Andi dabei) und HP in Drena. Es soll das unwiderruflich letzte Mal sein heut. Bei der Heimfahrt übrigens bedankt sich Heinz nochmal für unsere langjährige Treue - das tun wir umgekehrt auch - und sagt dann "Also, pfüat eich, bis zum nächsten..." Ah, hohoho schallts aus dem Bus zurück. Heinz: "Ich hab nix versprochen". Samstag um 11h gehts bei mindestens 35 gradi den unschweren Steig auf den Collodri, die Fortsetzung des Arco-Burgfelsens (beim Che-Guevara-Steig sind leider wieder die Seile durchgesägt, man hat sogar zwei Abgestürzte drin gefunden). Schöner Blick ins Sarche-Tal und Mordsauftrieb von uns, es wird schwer gearbeitet bei der Hitze. Auch die Berliner Elfriede, vor drei Jahren hier verletzt, "geht wieder mit Heinz". Sie scheint aber durch Blutdruck und Hitze etwas überfordert, sodaß wir ihr etwas hintnachhelfen. Oben Landschaftspause; auf einem Nebengupf des Collodri sitzen - neben der weißen Madonna - Strahlhuber&Strahlhuber. Ein Bild für Götter; Andi hockt da droben vogelwild neben der Göttin und weil die nix redt, probiert er ob ers mitn Handy erwischt. Schließlich kann man Marias Hilfe auch beim Busfahren brauchen, oder?
Das Wahrzeichen von Arco

Einige gehn selbst bei der Hitze nach dem Abstieg noch einen weiteren Muggl. Wir anderen schaun uns im Mittagsglast endlich mal die Burg von Arco an, für die man sonst nie Zeit hatte. Eine interessante großzügige Anlage, die natürliche Verteidigungslinien des Geländes ausnutzt. Schön die Ruine des riesigen Palazzo-Turms und die zufällig entdeckten lebendigen Fresken aus dem 13.Jh (hübsche Hofdamen, die Schach und sonstwas spielen sowie glatt ein Konterfei von Dante, dem Star der Stars in diesem Land). Übrigens, Toni's Gemma gehts wieder besser, sagt er; sie fährt zur Erholung nach Sardegna, wunderbar. Wir alle wünschen ihr das erdenklich Beste.

Das Wahrzeichen von Drena

Sonntag so gegen 9 gehts über den Cima-Capi-Steig zum Bivacco. Erst ab Biacesa landschaftlich reizvoll um den halben Berg herum, dann richtig hinauf. Nicht schwer, beste Seile. Immer wieder tun sich hinter den ehemaligen österreichischen Linien überraschende Tiefblicke zum Benaco auf - eindrucksvoll und bezaubernd zugleich. Die Landschaft hier scheint unerschöpflich an südländischem und alpinem Reiz. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor Jahrzehnten zum ersten mal mit meiner Mutter in den Ferien hierher kam. Der Hummel-Reisezug hielt in Rovereto, ab da mit Bus nach Gargnano. Nach Riva fuhren wir auf die berühmte "Gardesana Occidentale": plötzlich enge Kurven, Tunnels. Unten der großzügige See mit dem lieblichen italienischen Flair. Oben - man konnte kaum so steil hinaufschauen - himmelstürmende, abweisende Felsfluchten. Noch steilere, finstere, enge Schluchten dazwischen in rascher Folge. So gings weiter bis Limone. Undenkbar, daß in diesem gigantischen Felsriegel hoch oben Häuser stehen, zu denen sogar Straßen hinaufführen! Und eine kleine Kirche. Ich hätte mir damals natürlich nie gedacht, daß ich hier mal mit Bergkameraden herumsteigen würde - aber gewünscht hab ich Kind des Bayerwaldes mir sowas schon immer, heimlich.


Jetzt war ich mit meiner liebsten Brotzeitkameradin schon an die siebenmal hier drunten, und es ist mir wie eine zweite oder dritte Heimat. Bloß Italienisch müsste man gscheit können. Mein heutiger Kamerad und ich gehen den anderen etwas hinterher; ich knipse und er kämpft etwas mit der Hitze. Er hat nur 1 Bier dabei, traut sichs aber nicht trinken. Außerdem reißt mein rechter Bergschuh vorn das Maul auf - hin, bis zum Bivacco und hinunter wirds aber schon noch reichen. Immer wieder kommt man an Unterständen vorbei, sogar eine Kaverne für Geschütze. Wir diskutieren noch drüber, daß die "Feinde" - wenn sie die Linien durchbrächen - von hinten diese ganzen Stellungen "aufrollen" könnten. Aber wir sind da keine Fachleute, haben wir nicht gelernt. Nach der Cima Capi mit winziger, aber fest installierter Italien-Standarte gehts nochmal kurz runter mit fürchterlichem Ausblick ins abgrundtiefe Val Sperone, dann mit letztem Anstieg zu unseren liebgewonnenen Freunden aus Arco, Riva, Torbole... Da überholen uns zwei junge Männer - "grazie" sagt der eine, der andere hat a künstliche Plattn wie mans halt heut so hat. Männer brauchen nicht schön sein heut, nur schön kuhl. Der Kuhle fragt mich was auf englisch. Wir reden etwas; ich frag ihn ob viele junge Italiener heut englisch können. "Yes, many", sagt er. Ich denk mir, vielleicht sollten die auch mal wissen, was sich hier oben einst abgespielt hat? Und daß es vielleicht doch nicht ganz umsonst war.

 

Tiefblick auf die Gardesana Occidentale, vom Cima Capi Steig aus


Am Bivacco ists noch heisser wie im Steig. Man hat für uns tollerweise Sonnenzelte aufgestellt. Selbst die Hiesigen sagen es sei "troppo caldo, troppo!". Es gibt wieder gute Sachen, wenn auch nicht ganz so fein wie's letzte mal. Es kann halt nicht immer superfein sein, muß es auch nicht. Gespendet haben wir dafür 12 Euro (jetzt hamma den Salat und wern des Zeugl nie mehr los...) und lassens uns schmecken. Heinz bedankt sich nochmal für die vielen, vielen Male südländischer Gastfreundschaft. Er erinnert an seine erste zufällige Ankunft an diesem Ort vor 25 (!) Jahren. Da war das Bivacco grad am Anfang, im Bau, und Vittorio hier heroben. Dieser Kontakt ist zu dem gewachsen, was wir heute kennen und wofür wir unseren Freunden und Heinz so dankbar sind. Es ist auch etwas Wehmut dabei heut. Heinz dankt seiner Christl für die viele Hilfe bei der Organisation und Abwicklung der beinah ungezählten Fahrten, die wir Rosenheimer hierher in den sonnigen Süden machen durften. Leider, so sagt er, findet er immer noch keinen Nachfolger für seine "Rolle". Ein paar rufen "Adi" - aber der wehrt ab: "die Mittwochler langen mir schon". Ist auch verständlich. Vielleicht ist auch a bisserl a Generationenproblem dabei. Und etwas "unsymmetrisch" sozusagen sind Freundschaften zwischen Nord- und Südländern allemal: man reist eben viel lieber aus dem finsteren, neblichten Germanien in den sonnigen Süden als umgekehrt. Wir Nordische können da nicht soviel bieten, aber den Kontakt mit den Arco's halten wollen wir allemal, meint das Fußvolk im Verein. Vielleicht findet sich wieder so ein göttlicher Zufall wie vor 25 Jahren.

Ich mach wohl einen erhitzten Eindruck, denn da kommt Kamerad Clemens und redt etwas von Wassermassen aber nicht trinkbar und er tät mich abpumpen sagt er. Was ? Will er mich etwa in den Gulli entsorgen, schlank genug wär ich ja. Aber sowas trau ich ihm nicht zu und geh wagemutig mit. Ums Eck ist da doch tatsächlich ein grüner Pumpschwengel, drunter eine Zisterne. Welch ein Luxus! Ich lass mich von Clemens "abpumpen" und sowas Erfrischendes bei mindestens 35 gradi hab ich noch nie erlebt. Da kommt zu guter Letzt noch Silvio daher (so heißt er glaub ich) und macht sich plötzlich am Fahnenstangerl zu schaffen. Einiges hängt schon droben, aber noch nicht alles. Silvio erklärt es. Da ist also zuerst die Banderole Italiana, klar. Verde, ja, wie ... äh... oliva. Si,si, hab ich verstanden. Dann bianco... come il cielo... No no, meint Silvio, come neve. Ist ja schneeklar, hätt ich wissen müssen. Zuletzt noch rosso, come sangue (Blut), meint er. So blutig seh ichs aber nicht : "no, rosso come l'amore". "Si, si, come l'amore, amore besser wie sangue" meint nun auch der Fahnenmeister und : "sangue können vergessen".

So haben wir uns rasch geeinigt, überspringen fast die eh schon alltägliche blau und gelbgesternte Banderole E-u-ro-pea und gelangen zum respektablen Heimattücherl des Trentino mit Mords schwarzem Adler, der gleich doppelt und mit Goldrand. Des stellt was dar, potzblitz! Ich sag was vom Tiroler Adler, auch doppelt aber rot. Da zieht Silvio die Fahne Nr. 4 auf : rot-weiß-rot, mit Doppeladler, aber wieder schwarz. Die hat er frisch in Innsbruck gekauft. Doppelt... Tirol... aber schwarz... also Südtirol ! Hätt ich mir fast denken können. Das Trentino ist also sozusagen der Goldschatz von Südtirol. Nun kommt Silvio ins Schwärmen: "Mein Großvater war Kaiserjäger, da bin ich heut noch stolz drauf! Tiroler Kaiserjäger, da durften nur Tirol und Vorarlberg. Die waren damals hier oben!" Ich frage vorsichtig nach dem italienischen Angriff damals, hier oben, wo wir jetzt grad reden und die Banderole bewundern. "Genau bis da oben sind sie gekommen" sagt er mit leidenschaftlichem Nachdruck, und "nächsten Tag neue Kaiserjäger, dann alle weg. Und haben italienische Artillerie falsch gezielt, alle weg. War furchtbar." Und noch: "Waren vier Bataillone. Viertausend Mann". So genau wußte ich das noch nicht. "Da oben" - das waren die betonierten Stellungen, an denen mein Kamerad und ich vorhin noch vorbeigewandert sind. Da waren die "Kaiserjäger" drin. Die schießen nicht auf Gamsen, sondern schärfer. Silvio sagt nochmal, daß sein Großvater Kaiserjäger war. Man sieht ihm seinen Stolz an. Und stolz sagt er: "Das waren MÄNNER !"

 


Außerdem muß er bald weg, ins Tal, da ist eine große Veranstaltung. Da gibts auch eine Freundschaft zwischen Trentiner Veteranen und Kaiserjägern von anderswo. Da muß er hin. Ist mir klar, da ist er offensichtlich aktiv dabei. Wir sind aber noch nicht ganz fertig mit dem Hüttenstangerl - an dem schlappt müde in der Hitzn ein fünftes Tücherl. Regenbogenfarben, wettergebleicht, macht optisch garnix her. Nur vier Buchstaben stehn drauf, ja noch weniger, nur ein Wort: PACE. Das hat Silvio noch nicht erklärt. Brauchts ja auch nicht, kennt eh ein jeder. Ich sag ihm, das kenn ich, das hätt ich heuer in Lucca zu jedem Fenster raushängen sehn. Da meint Silvio leidenschaftlich: "Wir wollen nicht diesen Krieg. Siamo E-U-RO-PE-I !" und nochmal "Sangue können vergessen". So gesprochen im Jahre des Heils Zwotausend-und-drei. Die Griechen haben sowas vielleicht schon geahnt: das antike Europa-Motiv auf dem neugriechischen Euro-Zweier zeigt die sagenhafte Königstochter auf dem Stier. Fesch, locker und lieblich thront sie obenauf, nicht unterjocht, sondern das zerstörerische Untier beherrschend - Amore besser!

.Europa beherrscht den Stier