Sektion Rosenheim

DAV

des Deutschen Alpenvereins e. V.
   


Ortler-Durchquerung

Arbeitstitel: Cappuccino-Tour
27.03.-31.03.2006


Tourenbegleiter:
Christian Maas

Teilnehmer: Hannelore Siflinger, Michael Bauer (Michi), Michael Depping (Mike), Ingrid Embacher
Text:
Ingrid
Bilder: Mike, Ingrid

Frei nach dem Motto „was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern“ verlegte Christian die Tour „Ötztal-Durchquerung die Zweite“ einen Tag vor Abreise ins Ortlergebiet. Bei fünf nicht auf ein bestimmtes Ziel fixierten Skinarrischen kein Problem. Nur Mike’s Geduld als Fahrer wurde etwas auf die Probe gestellt, bei der Suche nach Detailkarten vom Durchquerungsgebiet in mehreren kleinen südtiroler Bergdörfern.

Montag, 27. März 2006

Die Anfahrt nach Sulden verläuft problemlos; wir passen zu fünft samt „Gepäck“ in Mike’s Passat. Als wir so gegen 11.00 h am Parkplatz des Skigebietes Sulden aus dem Auto steigen, ist es ziemlich warm (so wie es sich für Italien gehört!). Jetzt Jacke, Mütze oder Handschuhe anzuziehen wäre wirklich übertrieben. Also stopfen wir noch einige Kleidungsstücke, die wir eigentlich am Körper tragen wollten, in die ohnehin schon vollen und vor allem schweren Rucksäcke, die so auf 15 bis 18 kg geschätzt werden. Mir kommen leise Zweifel, ob ich nicht doch besser ein Wellness-Wochenende hätte buchen sollen…

Mike outet sich schließlich als Weichei und schlägt vor, für den ersten Teil des Anstiegs die Gondel zu benutzen. Aus Harmoniegründen protestiert keiner. Wir tun es dann wirklich und schweben für schlappe 9 € in wenigen Minuten zur Bergstation auf 2581 m.

Aufstieg zur Casati-Hütte

Duschpreise auf der Casati-HütteBei Traumwetter steigen wir zur Suldenspitze (3376 m) auf. Nach kurzer Abfahrt erreichen wir die Casatihütte, wo es den ersten Cappuccino der Tour gibt, natürlich mit aufgeschäumter Milch und Schokopulver obendrauf. In der Casatihütte gäbe es auch den teuersten Dusch-Spaß auf dieser Tour, 6 € laut Aushang, aber wir übernachten hier nicht einmal, geschweige denn dass wir darüber nachdenken, 6 € in Form von Wasser über uns zu ergießen. Wir fahren über den Zufallferner zur Zufallhütte auf 2265 m ab. Auf der Terrasse dieser Hütte erwartet uns Sonne, ein vom Hüttenwirt Uli spendierter Schnaps und das unter Gebietskennern beliebte und geschätzte Ski-Life-Kabarett. Jetzt ist auch endlich Zeit, Michi’s Skischuhe genauer unter die Lupe zu nehmen. Beim Hinterhergehen war mit nur aufgefallen, dass sie aus Leder sind. Michi gibt weitere Details bekannt: 27 Jahre alt, Außenschale und Innenschuh nach Maß und aus Leder gefertigt, mit 500,00 DM damals nicht gerade billig. Trotzdem: Wenn man den Preis durch die Anzahl der Winter teilt, den diese Schuhe schon „auf dem Buckel“ haben und mit heutigen Schuhpreisen und Lebensdauer vergleicht, sagt der Betriebswirt in mir, dass der Michi damals sein Geld gut angelegt hat. Michi’s Theorie, dass er wegen dieser Schuhe so fährt wie er fährt (er steht unverschämt gut auf den Skiern, bei jedem Schnee astreine, locker-leichte-beinezusammen Mittellage) kann leider nicht überprüft werden, weil es den Schöpfer dieser Schuhe, einen gewissen Herrn Rummel, nicht mehr gibt. Die Erfreulichkeiten dieses ersten Tages setzen sich mit einem ausgezeichneten Abendessen incl. Nachschlag und einem 6er Zimmer für uns Fünf fort.

Michi's Lederschuhe

Dienstag, 28. März 2006

Nach einem guten und reichlichen Frühstück steigen wir auf zur Martellerhütte (2610 m). Hier erleichtern wir die Rucksäcke um Übernachtungs- und Gletscherzeug, das wir für unser heutiges Ziel, die Köllkuppe, nicht brauchen. Weil wir schon mal da sind, probieren wir auch gleich den Cappuccino dieser Hütte. Wieder vorzüglich! Beim anschließenden Aufstieg wird das Wetter schlechter. Es schneit jetzt heftig, die Sicht beträgt nur noch wenige Meter, wenn überhaupt. Christian setzt Karte und GPS zur „Mugelsuche“ ein. Nach zwei Kurskorrekturen kommen wir auf der Köllkuppe (3380 m) an. Auf dem Gipfel ist es ungemütlich; wir suchen uns einige Meter unterhalb ein Plätzchen und lauern abfahrtsbereit darauf, dass es mal kurz aufreisst. Beim ersten Aufhellen fahren wir sofort los, aber das Loch in der Wolkendecke war zu klein. Schon bald wird die Sicht wieder schlecht. Durch den starken Schneefall der letzten Stunden sieht das bisschen, was man von der Umgebung erkennen kann, bei der Abfahrt ganz anders aus als beim Aufstieg. Christian tastet sich vorsichtig den Berg hinunter, befragt mehrfach Karte und GPS und legt (weiss der Himmel wie er das macht) eine Punktlandung an der Martellerhütte hin. Die Anspannung fällt schlagartig ab. Uns wird ein 12er-Lager zugewiesen, hurra, da haben wir viel Platz und können unser Zeug schön ausbreiten. Nicht ganz so erfreulich ist das Abendessen, von dem einiges wieder zurück in die Küche wandert, was aber nicht an der Menge oder fehlendem Hunger liegt …

 

Mittwoch, 29. März 2006

Es hat über Nacht mindestens 30 bis 40 cm Neuschnee gegeben, gefallen unter starkem Wind. Wir wollen heute zur Brancahütte. Beim Aufbruch geht immer noch ein starker, böiger Wind. Auf dem Weg von der Martellerhütte zum Fürkeleferner haut es den Michi einmal glatt um. Dick in die Gorejacken eingepackt steigen wir auf Richtung Monte Cevedale. Etwa 270 m unterhalb des Gipfels zweigt Christian nach rechts ab und wir fahren zur Pizzinihütte ab. Unter den Anblicken von zerfurchten, blau-grauen Gletschern genießen wir die Abfahrt durch unverspurte Pulverhänge, dem Schneefall der letzten Nacht und der Kälte sei Dank. Auf der Pizzinihütte gibt es zum Aufwärmen eine Riesenschüssel Minestrone und, natürlich nur wegen des Vergleichs mit den anderen Hütten, einen Cappuccino. Als wir nach der Pause die Hütte verlassen, ist es nicht mehr ganz so kalt und sogar die Sonne wagt sich hervor. Vor uns liegt eine flache Abfahrt, dazwischen auch Schiebepassagen und am Schluss des Tages noch ein Anstieg von etwa 200 hm auf die Brancahütte (2487 m). An diesem Tag legen wir mit 18,4 km die längste Strecke der Tour (insgesamt 75 km) zurück.

Mike geduscht und mit SchlafmützeDie Brancahütte ist offensichtlich mehrfach angestückelt, innen und außen verschachtelt und brechend voll. Das ausgezeichnete Abendessen mit Nachschlag bis zum Abwinken und der günstige Rotwein entschädigen jedoch reichlich. Da wir hier zweimal übernachten wollen, freuen wir uns doppelt über das zugeteilte 6er Zimmer. Die freie Lagerstatt wird schnell geplündert sowie als allgemeine Ablage benutzt. Über die Kälte dieses Tages kann Mike besonders anschaulich berichten. Erst als er in der Dusche Probleme hat, das Shampoo aus der Verpackung zu quetschen, stellt er fest, dass es vom normalerweise dickflüssigen in einen „kristallinen“ Zustand übergegangen war. Macht nix: Warmduscher war vorgestern; heute schätzt Mike den „Extra-Frische-Kick“.

 

Donnerstag, 30. März 2006

HanneloreChristian peilt heute den Pizzo Tresero, 3594 m an. Wir starten etwas früher als sonst, weil das Wetter im Laufe des Tages schlechter werden soll. Etwa um 10.00 h, wir stehen auf 3020 m, sieht man schon die Schneewolken heranziehen. Vor die Wahl gestellt, den Gipfel zu versuchen, möglicherweise nicht zu erreichen und sich dann bei schlechter Sicht an der Aufstiegsspur herab zu tasten oder bei den noch guten Lichtverhältnissen in’s „Kanonenrohr“ einzufahren, fällt die Entscheidung auf letzteres. Die guten Skifahrer unter uns (alle bis auf mich) kommen voll auf ihre Kosten. Es geht bei gutem Schnee durch eine nicht zu enge, nicht zu steile, aber herrlich laaaaaange Felsenrinne hinab. So gegen Mittag sind wir zurück auf der Hütte. Den Nachmittag verbringen wir mit essen, trinken, ratschen, dösen, schlafen, Ausrüstung in Ordnung bringen etc. Auch schön. Und so erholsam. Fast wie beim Wellness-Wochenende …

 

Freitag, 31. März 2006

Heute geht es in umgekehrter Richtung wie am Mittwoch zur Pizzinihütte. Das Wetter wird immer besser, die Blicke schweifen zu Königsspitze und Co. Neue Bergziele formen sich in den Köpfen. Auf dem Weiterweg zur Casatihütte wird es fast kitschig schön, Bilder wie aus dem Bergkalender wohin man schaut. Das letzte Stück zur Casatihütte ist steil, durch die Windverfrachtungen ein bisschen knifflig zu gehen. Das Wetter macht auf dramatisch, der Wind wirbelt Schneefahnen auf, in Kombination mit der Sonne ein optischer Genuss. Nach einem letzten Cappuccino auf der Casatihütte geht es noch ein paar Meter hinauf zur schon bekannten Suldenspitze.

Schnell ein Foto mit dem Selbstauslöser und von nun an ging’s bergab.

Viele Höhenmeter vernichten wir am Stück, der immer noch gute Schnee macht es uns leicht.

Fazit:

Es waren fünf tolle Tage. Viel schöner als Wellness. Die Truppe hat sich gut organisiert, jeder zum Gelingen beigetragen. Mike hat uns hin- und heimkutschiert, Michi hat das Seil, das Hannelore zur Verfügung stellte, am fleissigsten getragen und ich habe diese Zeilen verbrochen. Ach ja: Und ganz vielen Dank an Christian für’s Führen. Du hast uns diese große Bergfahrt in verdaulichen Happen serviert. Mit viel Gespür für die Gruppe ein Tempo angeschlagen, bei dem man ge- aber nicht überfordert war, besonders auf den flachen Gletscherpassagen selbstvergessen vor sich hin träumen konnte aber trotzdem zügig vorankam. Aktivurlaub vom Feinsten eben.