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Wanderreise nach Samos , 4. - 11. Oktober 2004 |
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Bei idealem Wanderwetter konnten alle vorgesehenen Wanderungen
auf der Insel durchgeführt werden: Dreidörferwanderung
(400 Hm), Kastro Louloudes (600 Hm), Drakei (400 Hm), Profitis Ilias
(500 Hm), Vigla (1400 Hm). Die Wanderungen führten auf drei
Berge, darunter den höchsten Berg der Ägäis (Vigla)
und machten insgesamt die vielfältige Berglandschaft und Kultur
dieser ägäischen Insel (nur einer von vielen!) erfahrbar. Text: Gotthard Weiser Bilder: Erika Bohnheim, Marianne Ehle, Gotthard Weiser |
| Montag, 4.10.: Anreise
Mit Bahn, Flugzeug und Bus zum Hotel Kalidon in Kokkari an der
Nordküste von Samos. Das ist ein günstiger Ausgangspunkt
für die meisten Wanderungen, sodaß nur an zwei Tagen
Leihautos benötigt werden. Auch der Abflug verläuft fast
optimal. Gotthard ist nicht nur angemeldet, sondern auch da, einfach
so. Unser Frischling Gerhard hat im Handgepäck sein ganzes
Werkzeug dabei, wie sonst immer. Nur eine harmlose Nagelschere...
zurück marschmarsch durch die Kontrolle. Da treibt sich noch
eine Nagelfeile zwischen der Brotzeit herum... nochmal retour. Die
Geduld der Königlich Bayrischen Antiterroreinheit ist unerschöpflich.
Ich schau kurz über den Röntgenkasten; da liegt ja eine
boarding-card drauf ! Ist ja nur meine, hätt mirs denken können. Abends treffen wir uns zum ersten mal im "Ammos Plaz"
bei der strengen Helena zum Essenfassen. Der vorbildliche Familienbetrieb
- Söhne, Tochter, unsichtbarer Ehemann - hängt an Helena
wie die Puppen am Faden. Sie hat's im Griff und ihr kommt nix aus
! Und was der Mo da zammbraut, kann man ganz gut genießen. |
| Dienstag, 5.10.: Dreidörferwanderung
Vourliotes - Manolates - Stavrinides
Im Urlaub bleibt der Alltag zuhaus - weit gefehlt. Unser Alltag beginnt
beim Hotelfrühstück mit Kalidona. Wir sitzen noch garnicht
richtig, da hockt sie schon - sehr schlank, getigert und mit Luchsaugen
- zwischen unseren Stühlen, und eröffnet die Party sofort
mit einem vorwurfsvollen "iiiiau". Ist sie sehr hungrig nach durchtollter
Katzennacht, dann verliert sie die contenance und haklt nach der Wurscht
oder gleich nach dem Finger. Schafskäs mag sie auch. Unsere Chefin
sagt, es ist nicht gut die Katzen zu füttern. Kalidona aber weiß
genau wo sie sich hinsetzen muß - zu Ingrid eben. Katzen sind
hochintelligent beim Aufspüren von Schwächen. So wie das
läuft, wird Kalidona ab heute unseren samiotischen Alltag bestimmen.Man muß vorausschicken: an Möller'schen Perfektionsmaßstäben gemessen, ist diese Reise eine Expedition - Kurt hat nämlich noch nichts abgewandert, garnichts. Das kann was werden!
Nach den Olivenhainen gleich links oben hinter Kokkari geht's rechtshaltend
durch karges, sommerlich trockenes und teils verbranntes Berggelände
aufwärts. Hier hat es den ganzen Sommer lang nicht geregnet.
Noch dazu gab es in 2000 ausgedehnte Waldbrände auf der ganzen
Insel. Eine äußerst stachlige, mannigfaltige Distelflora
strahlt ihren besonderen Reiz aus - vor allem aufs Hinterteil wenn
welche sich einfach mal so hinsetzen.
Dazwischen stehen tropisch-schöne, herbstzeitlosen artige Blüten
isoliert auf magerstem Boden. Das Gestein ist merkwürdig; kompakter
glatter Kalkfels durchsetzt mit mächtigen Lagen eines eigentümlichen
Konglomerats aus weißen Kalksplittern. Dazwischen kreideartiger
Kalk kompakt wie eine runde Glatze im Gelände. Gottseidank daß
ich kein Geolog bin, sonst käm ich schon hier nicht mehr weiter.Unten im Tälchen ein kleines Winzeranwesen inmitten seiner Weinberge. Es ist grad verlassen, der Winzerhund jault jämmerlich, Grillen singen betäubend und auch hier - zwei unvermeidliche Radler strampeln in der Hitze hinauf.
Das erste bedeutendere Dörflein, Paleochori, erreichen wir nach
einer guten Stunde. Es ist reizvoll winklig und besitzt einen Mini-Dorfplatz,
"platia" heißt das. Auch besitzt man hier gleich zwei Kirchen,
eine mit Wendeltreppe zum Glockenseil. Der Pope muß schlank
und schwindelfrei sein. Natürlich gilt auch hier: Katzen überall.
Aus jeder Tür und Gasse strömen sie haufenweis hervor: alle
Farben, gepflegt oder struppig, vor allem junge. Viele von ihnen werden
den Winter nicht überleben. Außerdem gewinnen ein paar
besonders Neugierige von uns tiefe Einblicke in eine ausgestorbene
Metzgerei, kenntlich an maschinellem Gerümpel und einer Art Saukopf
in Plastik hinter der blinden Schaufensterscheibe. Bitte nicht genau
hinschaun, was ich nicht weiß macht mich nicht heiß. Wir
nehmen trotzdem einen Frühschoppen auf der baumüberschatteten
Platia ein und bewegen uns weiter über Vourliotes, an einer kleinen
frommen Kapelle vorbei nach Manolates und ohne weiteren Aufenthalt
(erst marschieren, dann sumpfen! ) durch ausgedehnte Weinberge (mangelnde
Brotzeit wird durch Mundraub ersetzt) zum heutigen Endziel Stavrinides.
Dies besteht eigentlich nur aus einem Wirtshaus und wird von uns scharf
gefordert.
Die "Heilige Mutter" beeindruckt durch umfangreiche, gut erhaltene Fresken aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die ikonenhaften Bilder erzählen viel Alttestamentarisches von Abrahams Schoß, stellen den Glauben bildhaft vor. Da kommt plötzlich noch jemand herein, das muß wohl die Betreuerin der Goaßn sein. Sie bringt etwas Brennöl, zündet uns ein eigenes Lamperl an und schaut nach dem Rechten. Dann verschwindet sie wieder in ihren Goaßnstall gleich nebenan. Zu guter letzt spielt unsere kulturbeflissene Jeep-Pilotin noch auf ihrer Querflöte ein paar geistliche Melodien, die den kleinen Raum stark ausfüllen. Dann fährt sie uns direkt vor unsere Wanderherberge. Ja, was man unterwegs nicht alles für Leut trifft! Abends, im Konkurrenzlokal "Dionysos", gibt es einen Erdstoß.
Völlig undramatisch, es schwankt nur so a bisserl und man
könnt meinen, es wär der Retsina. Daß aber alle
gleichzeitig schwanken ? |
| Mittwoch, 6.10.: Potami - Drakei
- Karlovasi
![]() Die bekannte Küstenwanderung zweigt bei Potami von der Küstenstraße ab (mit Linienbus zur geschäftigen Stadt Karlovasi, von dort per pedes zum Ausgangspunkt). Nach einem Stück Wirtschaftsstraße geht es erst - wie oft auf dieser Insel - durch picobello blankgekehrte Olivenhaine; man steht vor der Ernte, die durch Abschütteln erfolgt. Selbst in den steilsten Flanken im Kiefernwald liegen immer wieder kleine Ölbaum- Inseln, sehr gepflegt. Anschließend wandern wir auf schmalem Pfad über unwegsame Steilküste, landschaftlich sehr schön und hoch über dem Meer dahin. Wir erreichen die Bucht Megalo Seitani, mit ein paar Häuserl.
Einst wohl ein kleines Fischerdorf in der geschützten Bucht,
dient sie heute dem Tourismus. Hier gibts einen wunderschönen,
langen Strand mit körnigem Sand, kräftige Brandung zum
Durchtauchen und großen Badespaß. Zwei gutgenährte
Damen aus Holland schaukeln schon quietschvergnügt auf den
Wellen; da wollen unsere Herren schon mithalten, als Wasserwacht. Da wir uns heute immer noch nicht verirrt haben, sind wir zu früh zurück und machen noch einen Schlenker mit so ein, zweihundert Hm über einen Wald- und Ölgartenbuckel in eine Taverne im alten Paleo Karlovasi. Trotz vieler Gelegenheiten ist niemand falsch gegangen und so hockn wir wieder alle zamm beim Griechen zum Löschen. Hier hat paleo Giorgios alles im Griff. Höchst zufrieden kontrolliert er, wie sein junges Töchterl uns abkassiert. Er bündelt die Euro in seiner Pranke und sein Schnauzbart zittert vor Lust, wenn er an den überraschend erzielten Gewinn denkt. Wir müssen noch, schlappschlapp, die Straße
hinab zur Bushaltestelle. Der kommt erst in zwanzig Minuten... warten?
Ätzend, kommt nicht in Frage. Einer meint, wir könnten
leicht noch zum Hafen von Karlovasi fuaßln und dort einen
besseren Bus erwischen - und schon sind alle furt, mit Kurt und
ausnahmsweise ohne demokratische Abstimmung. Ein strategischer Fehler,
wie sich bald herausstellt; die Küstenstraße zum Hafen
zieht sich kilometerweit dahin; unser Bus überholt uns und
vom Hafen fährt keiner mehr weg. Kurt entschuldigt sich zerknirscht
- er hätte sich leider breitschlagen lassen. Da dies eine Expedition
ist, gleichen wir das lässig aus und bestellen im Kramerladen
ein Taxi. Zuwenig für 22 Leute... bald aber stehen alle Taxis
von Karlovasi Schlange, um uns (preiswert) nach Kokkari zu kutschieren.
Es ist ein Auflauf wie bei einer Hochzeit, DAS Stoßgeschäft
vor Saisonabschluß. Abends gibts leckeren Schwertfisch beim
Melitimi und der rote Samos schmeckt hervorragend, ohne Schwanken. |
| Donnerstag, 7.10.: Kastro Louloudes
(600 m) - Kloster Vronda
Nochmal von Kokkari wie zu den drei Dörfern,
dann aber bald links haltend über einen weiten Föhrenhang
mit leuchtend grünen Aleppo-Kiefern hinan auf einen Sattel am
Fuß eines steilen Felsgupfs, der die Reste der Fluchtburg Kastro
Louloudes trägt. Oben haben wir unsere erste umfassende Aussicht
über den Ostteil der Insel. Es ziacht, die Gipfelbrotzeit dauert
nicht lang, wir grabbln das Geschröf wieder hinab und wenden
uns nach Norden, vorbei an einem weiteren platterten Gipfel, um das
Kloster zu erreichen. Von hier aus sieht man, daß der Kastro-Fels
sehr tief und senkrecht nach Süden abbricht - eine hervorragende
natürliche Burg! Ein ziemlich länglicher, gewundener Straßenhatscher ist noch zu absolvieren. Extreme Trockengewächse überall; eine kapitale Königskerze neigt sich unter ihrem Gewicht über den Straßenrand. ![]() ![]() Selbst hier, am Fuße des Lazaros-Berges, treibt man irgendwie Landwirtschaft; überall stehen Pickups herum. Da liegt aufeinmal ein abgestürzter Hubschrauber zwischen den Disteln; hat es ihn etwa beim Löschen des großen Waldbrandes erwischt? Seine verbogenen Flügel starren anklagend in die Landschaft... Da steht nun auch das Kloster, Vronda, "Donner", den die Nordwand des Lazaros hier als mächtiges Echo verstärkt. Bildschön gelegen mit Tiefblick auf die Meeresküste ist das geräumige Kloster, aber verlassen. Der Brand hat es gerade noch verschont. Auf seinem Vorplatz treffen sich Europa und Asien zum touristischen Pausensnack. Dann wandern wir weiter, erreichen den Weg zu den drei Dörfern, kehren nochmal in Vourliotes ein und wenden uns dann nach Hause. Wiederum mit viel schönem freien Blick in die Runde! |
| Freitag, 8.10.: Pandroson - Profitis
Ilias (1153 m) - Manolates - Nachtigallental - Platanakia
Ab heute kämpfen wir als motorisierte Truppe, Kompanie Möller, gegen das widrige Inselgelände - sechs Leihautos stehen uns für drei Tage zur Verfügung, ist alles inklusive! Logistikspezialist Kurt hat noch gestern sein Auto unterhalb unseres Ankunftsortes abgestellt; so können die anderen Autos nach vollbrachter Tat vom Abmarschort Pandroson zurückgeholt werden. Über eine steile, enge und sehr idyllische Bergstraße gelangen wir zum höchstmöglichen "Ablaufpunkt" (frei nach Toni II aus Arco) auf ca. 600 m. Der schmale Fußpfad windet sich durch Landwirtschaft und Distelflora bergwärts und läßt diese Geländeerkundung zur Streicheltour werden - besonders für diejenigen von uns, die grundsätzlich mit kurzer Hose bergsteigen. Dafür laufen sie so schnell, daß sie die aggressiven Stacheln kaum berühren. Der Zusammenhalt zwischen Stoßtrupp und Nachhut unserer Kampfwandertruppe ist nur mehr akustisch möglich, da die samiotische Macchia uns völlig verschluckt. Mir kommt es vor wie bei Asterix auf Korsika - man sieht nichts, nur Obelix ruft: "Frische Römer !". Nach dem Distel-Sechser kommt noch etwas Waldbrand, dann stehen wir auf dem kalt-zugigen Joch, Ankleidepause, und nun hinauf über den nackerten Felsbuckel zur Kapelle des Propheten auf dem Gipfel. Dort empfangen uns Radler ohne und mit Motor; off-road ? Von wegen... jedenfalls langts für eine ungewöhnlich beschauliche, sonnige Brotzeit. Wir verlassen den Buckel des Ilias nach Norden,
Wunschrichtung Manolates. Dabei bleibts auch eine Weile. Wir landen
mitten im Chaos einer Brandstelle - the expedition continues - da
drüben wäre der Wirtschaftsweg, aber wir wissen es besser.
Unsere Uli, die Jagerin aus Lofer, entwickelt eine anfallartige
Tierliebe und probiert alle möglichen Wildsau-Fährten
als Abkürzung nach Manolates. Wast wiederum findet die einzige
Geländefalte um dem Urwald zu entrinnen; wir Guerilleros arbeiten
bestens zusammen. Schlußendlich doch auf dem Wirtschaftsweg...
das beflügelt den Forscherdrang erst recht. Neue Abkürzer
versacken im höchstgelegenen Weinberg von Samos, im Freiluft-Klo,
bei de Schwammerl. Gotthard rast plötzlich voraus, findet den
richtigen Straßenabzweiger nach Manolates - doch umsonst,
neue Varianten locken uns unwiderstehlich und wir landen im Steineichen-Filz.
Davon hamma auch nix mehr, denn die Wildsäu haben uns längst
alle Eicheln weggefressen. Also reumütig zurück und die
Serpentinen runtergeschlappt bis wir auf den Gegenanstieg nach Manolates
treffen. So nach einer beschaulichen Stunde wird zum Appell
geblasen, die Taxis kommen zum Dorfplatz. Viel hübsche Töpferei
könnte man kaufen im Vorbeigehn, aber wohin damit zuhause ? Ein
deutscher Ruheständler, der hier lebt, munkelt Bedenkliches über
die unruhige Erde... da braut sich was zusammen, wenn sich das nicht
bald beruhigt dann knallt's... Außerdem hat er ein amtliches
Fernglasl umhängen zum Brandaufspüren; naja, macht sich
nützlich der Alte, ist ja gut, aber er hat wohl bissl zuviel
Zeit zum Spekuliern.
Wir verteilen uns möglichst umständlich auf die Taxis, kurven durchs Tal zur Küste hinab aber ohne Nachtigallen. Die singen nur im Mai ab zwei Uhr morgens heißt es... hier steht aber "Nachtigallental", ich werd mich bei TUI beschweren, na warte! Unten entsteht ein neues logistisches Problem: der Bus ist furt, ohne Kurt, die Taxis sollen uns heimfahren, nehmen aber nicht fünf an Bord, also bleibt einer übrig, wer zahlt das ? Ich hau mit den anderen Fahrern in Kurt's Auto ab nach Pandroson und fahre mein Leihauto gemütlich übers Gebirg nach Karlovasi und heim, wo ich etwa gegen acht im Hotel lande. Ingrid - und nicht nur ihr - ist inzwischen der Schreck in die Glieder gefahren: "Hast du das Erdbeben vorhin auch gemerkt? Hier hat alles gewackelt und gezittert, der Blechkasten an der Wand hat gescheppert und geknirscht und gemahlen hats überall !" Nichts hab ich gemerkt, war ja im Auto um die Zeit. Das war's wohl schon, kann mal auftreten sowas. Beim Nachtmahlen im Dionysos ists jedenfalls ruhig, ein leichtes Nachschaukeln höchstens. Irgendwann kriechen wir unter die Deck' auf unserem Juchhe, schlummern ein nach diesem schönen Tag. Das Hauptproblem sind die Schnaken, sie nähern sich unhörbar und wo sie anzapfen juckt es scheußlich. Man schläft trotzdem ein. Als ich aufwache, röhrt es tiefgründig - wie das bekannt-berüchtigte Wumm-Geräusch, aber anhaltend! Möbel, Holzboden, alles zittert heftig, der blecherne Klimakasten knallt wieder. Es ist genau zwölfe nachts. Jetzt fährt auch mir der Schreck in die Glieder. Oha, da steckt wohl mehr dahinter? Jetzt wirds uns langsam mulmig, aber was soll man machen? Einwickeln gegen die Mücken und auf bessere Zeiten warten. Der nächste Erdstoß, fast genauso stark, kommt gegen eins. Das tiefe Grollen signalisiert eine Gefahr die von überall her kommt, übermächtig, unheimlich. Jetzt kann ich nachfühlen, wie es den Menschen zumute ist, die tatsächlich von so einer Katastrophe überrascht werden. Sollen wir hier in diesem Holzkasten warten bis wirklich was passiert? Es kann ja nichts schaden, die wichtigen Sachen in den Rucksack zu packen, wir siedeln um auf die Auszieh-Couch im Normalgeschoß und sind notfalls gleich auf dem Balkon draußen... Es gibt in dieser Nacht noch einige schwächere
Erdstöße, sechs insgesamt sollens gewesen sein. Auch
unsere Hotelchefin wirkt etwas nervös am nächsten Morgen.
Der junge Mann an der Tankstelle von Kokkari fragt mich immer "strong"?
Ich merke, daß ihm das Wort "earthquake" abgeht, aha, jetzt
wissma's. Sowas hat man doch nicht alle Tage hier, das letzte starke
Beben war in 1992 erfahre ich. |
| Samstag, 9.10.: zur freien Verfügung
Ingrid hat gestern so o'zogn, daß sie keinen Hunger mehr hatte, das war zuviel. Heute bauen wir uns auf mit einem Schlag Kultur. Als erstes steuern wir das kleine Kloster Agia Triada an, finden es über Hora einsam und versteckt zwischen Kiefern und Ölbäumen. Der einfache vierseitige Bau mit Innenhof scheint verlassen; nur zwei friedliche Hunderl, echt griechische Stiagnglander, begrüßen uns. Hinter allen Fenstern sind die Vorhänge zugezogen; Nachwuchsprobleme? Im Innenhof, wo die Hunderl ihren Stammplatz im Blumenbeet haben, steht die respektable Hauptkirche. Und da sitzt auch Anastasios aufm Bankerl, der einzige Mönch in dieser Anlage. Offensichtlich ist er uralt aber frisch, begrüßt uns freundlich und zeigt die prächtig eingerichtete Kirche von innen. Mannshohe Messingleuchter, allerhand Heiligenbilder an den dafür bestimmten Plätzen, darunter auch einige in schönem Ikonenstil, aber Sauerstoff hats nicht viel da herin. Anastasios fordert uns zum Abschied auf, den Ölgarten zu besichtigen. Das tun wir auch, w bei er plötzlich wieder da ist und uns nicht aus den Augen lässt. Wir stoßen auf den bescheidenen Klosterfriedhof im kleinen Kiefernhain - er enthält noch ein einziges, ebenso bescheidenes Grab. Ruht hier vielleicht der letzte Abt? Agia Triada ist offensichtlich kein reiches Kloster; trotzdem wurde einiges getan um den Bau zu erhalten. Wir verabschieden uns von Hund, Katz und Anastasios und suchen ein reiches Kloster. Kloster Timiou Stavrou (auch bei Hora) sieht schon eher so aus. Kirche, Hauptgebäude, ja selbst die Ummauerung strahlen Größe und Würde aus. Die sehr geräumige und hohe Kirche ist berühmt für ihr einmaliges Kunstwerk - eine deckenhohe, geschnitzte Ikonostase. Das ist in der orthodoxen Welt die obligatorische Trennwand, die profanen und sakralen Bereich voneinander abschließt. Die hiesige Ikonostase ist eine immense und sehr kunstvolle Arbeit, es soll nichts Vergleichbares mehr geben. Unser altes, ewig junges Europa ist aber voll von solchen Unikaten! Im Devotionalien-Shop gleich nebenan ertönen griechische Mönchsgesänge von einer CD. Sie klingen sonor, mit verhaltener Inbrunst, und ein Computer spielt sie ab. Gesang und Computer wurden in Europa erfunden. Wir lassen noch, im Schatten vor der Kirche sitzend, die Klosteratmosphäre
etwas auf uns einwirken; dann fahren wir hinter Pirgos steil hinauf
zum bekannten Aussichtsdörferl Platanos mit seiner idyllischen
Plataia. Da liegt, hoch an den Steilhang hingeklebt, die kleine
Taverne "Orizonte". Der Name verspricht gute Aussicht, und so ist
es auch. Paar hiesige Handwerker sitzen herin; alle miteinand machen
sie nicht so einen Radau wie eine junge deutsche Urlaubergruppe.
Die Wirtin merkt gleich was wir wollen und deckt uns eigens draußen
auf der Terasse beim Windfang. Es gibt leckere Auberginen in Öl.
Vor diesem Adlerhorst im klarsten Mittagslicht hingebreitet liegt
Samos-West mit dem wuchtigen, mehrbuckligen Vigla (1440 m), unser
Ziel für morgen. Das alles umrahmt vom tiefblauen oder silbernen
Meer mit der Schar von Nachbarinseln darin. Die Wirtin kennt sie
alle mit Namen und zeigt sie uns mit Heimatstolz: statt Ries und
Brünnstein eben Fourni, Ikaria, Chios, die ferne Patmos...
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| Sonntag, 10.10.: Kambos - Kloster
Agias Evangelistrias (700 m) - Vigla (1440 m)
Heute wollen wir unserer Vorbereitungsexpedition die Krone aufsetzen: mit einer Besteigung des Vigla, nicht nur höchster Berg von Samos, sondern sogar aller ägäischer Inseln. Sagt Kurt, und sowas registriert er genau. Wir starten also an der Südwestküste hinter Kambos, wo ein Abzweiger zum Nonnenkloster Evangelistrias abgeht. Vielleicht 50 Hm können wir hineinfahren, dann laufen wir los. Da diese Besteigung von hohem militärischen Wert ist, darf unser Stoßtrupp mit gepanzertem Mannschafts-Opel zum Kloster hinauffahren soweit es halt geht. Wir andern hatschen in der Hitze hinterher und treffen unseren frisch ausgeruhten Sturmtrupp beim Kloster. Das Panorama vom Vigla muß man gesehen haben
!
Ja, und ganz nebenbei, ein Tyrann beherrschte
Samos einst, hinterließ einen Wassertunnel den man aber heute
nicht mehr braucht. Und ein Mathematiker-Philosoph lehrte hier und
hinterließ einen Lehrsatz, ohne den überhaupt nichts
ginge in der modernen Mathematik. Nicht mal eine Dampfmaschin' könnt
man berechnen ohne Pythagoras, den Zahlenmystiker. Wir sind aber
von München hierher mit Gasturbine geflogen, werden morgen
das Gegenteil tun und bald, nach diesem besinnlichen Abstieg, mit
scharf kalkulierten Automobilen nach Kokkari zurückfahren -
zusammen mit Hasi und Christl, meinen heutigen Fahrgästen.
Ich verfranz mich noch zu einer Ehrenrunde durch die edelgrünen
Wohnviertel von Kampos, Griechenland durch die Hintertür, dann
sind wir nach letzter Samos-Überquerung via Karlovasi wieder
im heimischen Kalidon. "Der Urlaub auf Samos hat uns gefreut, Kurt strahlt wieder bis hinter die Ohren. Er ist zufrieden mit uns, wir mit seinem Expeditionsvorschlag und im übrigen ist er in Gedanken schon längst woanders. Und Helena spendiert zum Abschied jedem von uns ein kleines Flaschl Uso aus Samos. This is always strong - "jammas" auf Helena, möge sie samt Familie den Winter gut überstehen! |
| Montag, 11.10. Heimreise
Nochmal ein wanderfreier Tag. Wir beide bummeln gemütlich
durch Kokkari, schauen uns die große Ortskirche an. Hier fand
gestern eine Taufe statt, die Taufkerzerl liegen noch herum. Es
scheint hier weniger zentralisiert zuzugehen; die Stühle stehn
irgendwie im Kreis herum, man scheint sich zwanglos zu versammeln
hier drin. Da es in der Orthodoxie eine ausgeprägte Gesangskultur
für Alle gibt, gibt es keine Orgeln hier; scheint eine rein
westliche Erfindung zu sein. Die hiesigen Souvenir-Shops führen
als Besonderheit den Pythagorasbecher, ein Gerät, das dem Tantalos
nachempfunden ist. Füllt man dieses nämlich mit zuviel
Wein, so verabschiedet der sich vollständig durch einen mittig
angebrachten Schnorchel. Man sagt, hiermit habe einst der Pythagoras
die versoffenen Bauarbeiter des Tyrannen in Zucht nehmen wollen.
Nicht schlecht wär sowas für gierige Geizhälse: zuviel
Geld gespart - schwupps ist es weg! Nochmal beäugt werden auch
die idyllische Hafenbucht samt weiße Wulli-Antn, der Fischhändler
mit zugehörigem Katzenschwarm, Wellenbrecher, Austragshäusl
auf 0,00 m Meereshöhe, farbenfroh bemalter Fischtucker im echten
Einsatz u.a.mehr. Ernst wird's jetzt: die Flugbetriebsleiterin korrigiert mit Stentorstimme ihre vorherige Anweisung: "The flight to Munich starts from gate Tuuu !". Das ist das Türl rechts. Unser Flieger steht aber links. Vom Konkurrenzflieger rechts ist er äußerlich nicht zu unterscheiden. So überkreuzen sich auf dem Flugfeld Stuagetter und Münchner Passagierströme; fehlgeleitete Fluggäste hasten dazwischen hektisch herum. Daß wir im richtigen Flieger sitzen merken wir erst, als die Türen zu sind und unsere Chefbetreuerin witzig fragt: Ist hier jemand nach Stuttgart ? Da wir griechisch organisiert wurden, kommt das unmöglich vor. So können wir in den frühen Abend starten; Samioten, Chioten und alle anderen griechischen Patrioten tief drunten haben schon ihre Laterndl brennen und sitzen wie wir jetzt beim Nachtmahlen. Die nächsten Lichter kommen erst wieder in Salzburg, dann hat MUC II uns wieder. Es wäre nicht unser Verein, wenn nicht wenigstens noch die Schlußszene zu einem Wettrennen geriete. Margit hat es eilig zur Bahn, weiß aber nicht genau wie es hier zur S-Bahn geht, bittet mich um Hilfe, ich weiß es auch nicht und wir rasen los. Das langt, um den Rest der Mannschaft in Galopp zu versetzen. Auf den Kriechbandln von MUC II laufen wir uns erst mal warm, erwischen die richtige S-Bahn, München Ost, kriegen wir noch den Regio? man muß es versuchen sagt Heinzen seine Sennerin, Michi voraus, da steht der Kondukteur: "wiavui kumman da noch ?" "zwanzge" "des derf i eigentli garnet macha... Das ist kein Anschlußzug !" is uns wurscht, besser guat g'fahrn als schlecht g'standn, alle drin, er winkt'n ab und dahie gehts. Zwar hätten wir in der gleichen Zeit im Ostbahnhof gmiatli eine Abschiedshalbe miteinand schlürfen können, aber so war's halt zeitoptimal. Und auch die Logistik stimmt bis zuletzt - in Rosenheim Steischn wird grad noch am Michi sei vergessener Rucksack ausm Abteil gefischt. Sonst hätt er sein Reservebohrgerät am nächsten Tag in Salzburg Steischn abholen können. |