Sektion Rosenheim

DAV

des Deutschen Alpenvereins e. V.
   

Skitouren aus dem Schnalstal, 30.4 - 4.5.2002

Tourenbegleiter: Markus Stadler
Teilnehmer: Liane Baltheiser, Sabine Kohwagner, Stefan Schiller, Johannes Stadlbauer, Hans Soyer, Gotthard Weiser, Sylvia Zanier.
Bericht und Fotos: Gotthard Weiser

1. Tag: Anfahrt über Reschenpass zu Familie Gurschler, Nassereid-Hof im Pfossental 9, Schnalstal, 1500m. Wir wären 8 mit zwei Autos, aber Johannes war bei der Abfahrt nicht da und auch telefonisch nicht auffindbar. Hoffentlich nichts schlimmes dazwischengekommen, immerhin hat er 4 Kinder. So sind wir also 7 und treffen um halbzehn abends ein. Die zierliche freundliche Jungchefin Margit bringt grad ihre Kleinen ins Bett und holt uns noch ein Bier aus dem Keller. Die Zimmer sind ordentlich und luftig im schönen alten Bauernholzhaus. Ich nächtige zusammen mit Hans dem Oberförster, der kurz vor der Pension steht und berufshalber schon weißgottwo war und jeden kennt. Er erklärt mir gleich, daß er schnarcht und ich sag ihm daß mir das wurscht ist. Nachts explodiert er aber schon paarmal daß ich denk jetzt macht ers nimmer. Trotzdem gute Nacht - paradiesisch im Vergleich zur Mantova-Hüttn auf 3450m.

2. Tag: Texelspitze, 3318 m.
Um sechs ein prima Gurschler-Frühstück, dann per Auto noch etwas im Tal hinauf. Skitragen durch die urige Almenlandschaft. Ein Marterl bei der Mitterkaser-Alm berichtet von einem Buben der hier einst verunglückte. Mühevolles Leben hier, auch heute noch, nicht ungefährlich aber frei. Die Lebenswerke vieler Menschen stecken in dieser einmaligen Kulturlandschaft und ich denke, wir heutigen stehen auf ihren Schultern. Wie das geht? Weiß ich nicht genau, aber es kommt mir so vor.
Im Frühtau... am Ghf. Jägerrast
Vorgipfel oder Täuschung?
Dann sind wir am "Einstieg", muß man schon sagen: drüberm Bach geht es sofort eine sausteile, malerisch blaugrün vereiste Waldschneise lotrecht hinauf. Nach etwa 200Hm landen wir auf den flacheren weiten Hängen überm lichten Lärchenwald. Hier etwa hat sich seinerzeit unser junger Kamerad Axel von uns talwärts (Ski bergwärts) verabschiedet, ist aber am gefrorenen Schnee doch noch irgendwie hängen geblieben. Diesmal ist der Schnee weich und wir streben zügig hinauf, der Wolkendecke entgegen. Markus lotst uns optimal anhand der Karte, alter Restspuren und dem siebten Sinn durch den Nebel auf ein flaches Joch, Sicht etwa 50m. Flach gehts hinter, dann steiler hinauf zum Vorgipfel.
Der Nebel weicht etwas, wir erkennen den Hauptgipfel schemenhaft und Markus probierts zu Fuß entlang der steilen Schneeflanke unterm schroffen Gneiskamm. Eine Felsstelle zum Hinlangen ist da; er lotst uns da in Einzelbearbeitung drüber weg und wir haben einen schönen, windstaaden Brotzeitplatz zwischen 2. und 3. Wolkenstockwerk erobert - eben die Texelspitze. Außer einem gemauerten Meßpostamentl ist nichts zu erkennen; trotzdem beglückwünschen wir uns erfreut. Windstaade Gipfelrast

Die Abfahrt - natürlich im dichten Nebel entlang unserer Spur - verläuft angenehm bei gut fahrbarem Schnee; nur in der Mittn hats mal einen Deckel. Sogar die Sonne spitzt mal kurz durch die Waschküch und läßt eine großzügige 3000er-Landschaft mit sehr weitläufigen Firnbecken erahnen. Das aber wars dann schon. Nun tauchen wir aus der Wolke hinab und nähern uns unserm Aufstiegsschlund. Ohne Rücksicht aufs Verderben stürzen wir uns da hinein, räumen kleine Rutscherl ab. Ich machs vor wie mans nicht macht: springe vor einer Baby-Lärche ums Eck, verkante, wumms, der Ski ist festgemauert, der Rucksack zieht gnadenlos talwärts... naja, alte Esel solln halt nicht so damisch hupfn. Stefan sei Dank wird meine Bindung entriegelt. Wir prügeln uns tapfer diese "Abfahrt" hinunter, jeder auf seinem "Lieblingsfuß". Sogar das "Blaugrüne" ist gut überfahrbar. Das letzte Schneebandl zwischen den Felsen wird im Triumphzug abgeschwungen.

Wackelige Holzbrücke

Dann gehts wieder aufm schwabbligen Schwachholzbrückerl übern schlammigen Wildbach - natürlich alle gleichzeitig da droben. Ein kugelrundes Italiener-Pärchen - auch Gäste unseres Hauses - beobachtet unsere Heldentaten und tippt sich an die Stirn (mental zumindest). Die Sprachbarriere verhindert daß wir ihnen erklären, warum wir ausgerechnet hier hinunterfahren müssen. Aber macht nix, wir werden ihnen unten heimlich den Wein aussaufen!

Im Bauerngarterl am Hof ist die Altchefin beim Grasausrupfn. In der Stubn hängt sie als Ölbild aus jüngeren Jahren neben ihrem Ehemann. Mit stillem Stolz und optimistisch schaut sie in die Welt. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Wir reden a bisserl übers Wetter, die Erdbeeren... da dämmerts mir: da ist doch in dem Bildband "Menschen im Gebirge" a Madl, ein Kind noch, abgelichtet. Runterg'rissn der gleiche Typ wie unsere Altchefin!

Die Gurschler-Eltern

Beim vorzüglichen Nachtmahlen - Rindsgulasch bestens und äußerst zart - fängts heimlich an zu regnen. Unsere Italiener sitzen am Vorzugs-Nebentisch, dicht am geheizten Tiroler Grundofen, sonst sind sie beleidigt sagt Margit. Wir prosten uns gegenseitig zu. Die beiden passen nicht nur hinsichtlich Körperumfang zusammen sondern scheinen sich gegenseitig an Vergnügtheit zu übertreffen. Sie jedenfalls lächelt immer fröhlich wie eine Madonna im Urlaub, frei von allem Zwang zur Heiligkeit. Jetzt versteh ich warum schon Cäsar sagte: lasst dicke Leute um mich sein... Beide haben einen Sonnenbrandy, er besonders knallrot und zur Plattn passend. So lassen sie sichs schmecken - und obligat etwas auf dem Teller liegen. Nachtigallenzungen frißt man ja auch nicht restlos zamm, das macht keine "bella figura" - und die ist äußerst wichtig in Italien. Dagegen wir hungrigen Tedeschi verputzn alles restlos - einfach barbarisch. Es ist eine hauseigene Kuh die wir da verspeisen, von der Alm, werden wir belehrt. Wie die Kuh geheißen hat möcht ich gern wissen, vielleicht Rosl? Nein nein, das war die "Flamme"! Jetzt muß ich mirs aber genau überlegen wenn ich von meiner Flamme rede, daß ich da nix durcheinanderbring.

3. Tag Saldurspitz 3433m halbert , etwa 3000 m.
Fahrt bis Kurzras 2000m. Dort am Parkplatz steht plötzlich Johannes! Er hat keine Ausred sondern die Abfahrtzeit falsch gespeichert und ist nachgekommen weil er sonst nur mit Megafrust daheim rumschleicht. Am gealterten Touri-Bunker vorbei über die Piste rauf (Förster-Hanse hat dort eine Rehfährte gesichtet), dann rein ins weite Hochtal. Es fängt an zu schneien, der Nebel wird immer dichter. Immer steiler raufquerend gehts auf ein Scharterl im Kamm, 3000m. Die letzte Querung oberhalb des Gletscherbeckens bei Null Sicht zum Gipfel unterbleibt, da keine Geländebeurteilung möglich ist. Bei gutem Wetter sieht man von der Saldurspitz schön in die Gipfelrunde, Schwemserspitz, Ramudlspitz, Ramudljoch ...
Urgestein im Schnalstal Dort hatten die oberen Schnalstaler einst ein Problem, hab ich mal gehört. Das begann im Tal, beim Friedhof. Sowas hatten sie nämlich nicht. Aber drüben im benachbarten Matschertal - da war genug Platz. Also trugen sie ihre Verstorbenen im Winter - da sterben d'Leut bekanntlich - hinauf aufs Ramudljoch. Man stellte sie dort ab, ließ den eisigen Wind um die Toten spielen und trug sie im Frühjahr bestens konserviert hinunter nach Matsch zum Ei'grabn.

Das hatte so seinen jährlichen Rhytmus und war wohl ganz schön mühsam. Da gibts sogar eine Passage bei old Bruckner Toni, da kann man das hören. Es klingt einfach und groß, wie das Gebirg und das Leben darin. Auf diese Weise sind die Schnalstaler mit der Sterberei fertig geworden; man muß sich nur was einfallen lassen!
Ramudljoch hin oder her - wir müssen vorzeitig talwärts, sowas ist mal drin. Ab 2400m gibts wieder Aussicht ins Tal, auf die unerschöpflichen Regenwolken und die "Piefkes", mit denen wir uns die letzte Rutschbahn teilen müssen. Wir trösten uns mit einer Einkehr in Karthaus, zum Weißen Kreuz, gleich neben der Karthäuserküche. Diese besteht praktisch nur aus einer riesigen pyramidenförmigen Esse. Deren Ausmaßen nach müssen die frommen Karthäusermönch enorm gefuttert haben. Kein Wunder, sie durften ja auch nix reden, was bleibt einem da schon?

Der obatzte Tag wird mit Klettern "Auf Messners Schneide" am Gneisfels des Taleingangs abgerundet. Johannes möcht endlich seine Füß wieder in d'Höh bringen sonst wird er sauer. Förster-Hans und ich gehn aufs Schloß Juval und ergattern die letzte Führung mit Messners Rechter Hand, einem künstlerisch angehauchten Einheimischen, der uns von Keller über Meditationsraum, die Marmeladglasl von Reinholds (nun dauerhafter) Regierung, Rittersaal, Ritterklo, Burgkapelle bis zum Glasdach alles eingehend erläutert. Immerhin - man muß es dem "king of the planet's roof " lassen: was er selbst da gestaltet hat, das hat Idee und Stil. Schön, daß er sich nach dem abenteuerlichen Teil seines Lebens in die Heerschar seiner anonymen Landsleute einreiht und seinen Teil zum Erhalt der Heimat beiträgt. Beim Abstieg vom Schloß entdecken wir noch einen echten Waal mit Bimmel, falls kein Wasser läuft. Daheim beim Abendessen sichte ich ein eindeutiges Wolkenloch, ernte damit aber nur Skepsis. Markus ruft in Innsbruck nach dem Wetter an; man macht ihm wenig Hoffnung.



4. Tag Meran
Heut duschts aber echt und so fahren wir ins unweite Meran um dort die Kletterhalle zu suchen. Auch werden Stefan und Sylvia verabschiedet; sie haben anderes vor. Wir parken am Stadtrand, fahren mit Bus hinein und flanieren in der Laubengasse mit den vielen schönen Bogengängen. Es wallt ein dichter Doppelstrom von Piefkes in beide Richtungen. In einem piekfeinen Trendsportgeschäft erfahren wir daß die Kletterhalle gleich bei unseren geparkten Autos steht. Das haben wir gerochen! Sie ist aber heute zu - man kann nicht alles riechen. Da plötzlich im Schaufenster seh ich was ich suchte: ein Almbauer in Offset-Druck "bewirbt" den Vinschgau, er schleppt einen Sack voll Heu. Das Heu ist echt! Ohne diesen Werbegag könnte dieser Nobelschuppen zumachen - wir stehn auf ihren Schultern.

Hans und ich schlendern weiter durch die Laubengasse, werfen einen Blick in die spätmittelalterliche Stadtkirche St.Nikolaus mit einer besonders schönen Tiroler Madonna, begeben uns weiter durch urtümliche Gassen zu einem der Stadttore nahe dem Park mit hunderten von exotischen Bäumen, dinieren recht anständig im alten Spitzbogengewölbe der Gotischen Stuben, machen noch einen Verdauungsbummel und dann heim. Bei Naturns besuchen wir noch das romanische Kircherl St.Prokulus am Römerweg. Hier ist über Jahrtausende das christliche Abendland mitsamt seinen Konflikten entlaggewallfahrtet, man kann sich das alles gar nicht mehr vorstellen. Die wachhabende Tiroler Kulturdame freut sich über unser Interesse und erklärt uns einiges über die Symbolik der superalten Fresken die man hier zufällig entdeckt hat. Sie kennt ihrerseits Urschalling bei uns dahoam, ist echt interessiert.

In der Stubn... Bei der Heimfahrt streifen wir noch St.Katharinenberg, dann sind wir wieder bei Gurschlers. Dort hat sich inzwischen ein Steinschlag ereignet, genau auf die steilen Wiesen wo der Jungbauer gestern noch mit Mistbreiten beschäftigt war. Wirtin Margit sagt, ihr Vater denkt sich da nix, er kennt schon jeden Baum hinter den er springen könnt. Sie selbst aber hat schon Angst davor, schließlich möcht sie nicht übers Ramudljoch müssen. Wir verspeisen noch den Rest von "Flamme", diesmal in Form butterweicher Bratenscheiberl. Diese glückliche Kuh war aber auch ein besonders zartes Exemplar, sagt Margit.


5. Tag Heimfahrt

Sauwetter voll, der Beschluß steht: Hoam auf Rosenheim mit Schlenkerer übers Kühtai wenns net regnt. Ich will wieder ganz genau wissen: wann regnts? Ja klar, wenn man den Scheibenwischer braucht. Aso. Zum Reschen rauf regnts, dann schneibts. Immer noch Scheibenwischer. Schön wars, die Touren nicht ganz optimal. Aber keine Schneiderfahrt, Kletterhalle gefunden. Und Markus weiß jetzt genau wo Norden auf seinem Kompass ist. Dankschön für den siebten Sinn!