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Ab jetzt nur noch korrekte Namen

Endlich ist der Wanderer oben am Gipfel angekommen. Jetzt noch eine gute Brotzeit und einen ordentlichen Schluck aus der Wasserflasche, dann ist die Welt in Ordnung. Der Blick schweift über die Bergwelt. „Ach, der Großvenediger. Welche Pracht!“ Da staunt der Laie und der Kenner wundert sich über dieses „Wandererlatein“.

Damit ist jetzt Schluss, zumindest auf der Hochries. Seit Kurzem steht vor der Hochrieshütte eine Panorama-Tafel mit Blick nach Süden. 150 Gipfel-Namen sind darauf vermerkt. Schreinermeister Georg Kurz hat sie dort vor Stürmen fest im Boden verankert.

Die Tafel hat die Ausmaße von vier Metern Länge und 62 Zentimetern Breite. Sie ist leicht um sechs Grad geneigt, damit das Regenwasser von der Dibond-Platte ablaufen kann. Außerdem ist sie schlag- und kratzfest und sollte die nächsten zehn Jahre halten, gibt Schreinermeister Kurz Auskunft. Mit sechs Streben, die in den Boden einbetoniert sind, sowie etlichen Eisenwinkeln ist die Platte, die aus zwei Teilen besteht, gegen alle Unwetter geschützt.

„Panorama-Tafeln haben eine lange Tradition auf der Hochries. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, genau 1892, hat Ludwig Trier das erste Panorama nach der Natur gezeichnet", berichtet das Vorstandsmitglied Dieter Vögele. Der einstige Bergfreund sei auf der Haustätter Höhe in Rosenheim gestanden mit Blick auf die Hochries, wird berichtet. Bergnamen und Höhenangaben seien schon damals korrekt verzeichnet worden.

Interessant: Im Jahresbericht der Rosenheimer DAV Sektion aus dem Jahr 1886 wird der Rosenheimer Hausberg noch „Hochriß" geschrieben. Wann die Änderung in die heutige Schreibweise kam, sei allerdings unbekannt, berichten Knarr und Vögele. Beide DAV-ler sind fit, was die Geschichte rund um die Sektion betrifft. Diese feiert in diesem Jahr ihr 140-jähriges Bestehen.

Einen richtigen Fang machte Vögele vor rund drei Jahren. Der ehemalige Hüttenwirt Sepp Wagner – er war in den 1960er-Jahren aktiv – fand bei sich noch alte Drucktafeln mit dem Panorama der Bergwelt rund um die Hochries. „Ein echter Schatz, den ich da bekommen habe", so Vögele. Ein ähnlich „guter Fang" gelang ihm auch mit Christian Magg. Der Hobbyfotograf, der aus Spaß an der Freud seit 20 Jahren Panoramen ablichtet und diese dann im Keller hortet, ging an jenem 30. Oktober 2016 oben auf der Hochries wieder seiner Leidenschaft nach. Da habe Vögele ihn einfach ungeniert angesprochen. „Was machen Sie da eigentlich", wollte er wissen. Magg: „Fotos." Vögele: „So einen brauche ich."

Schnell sei man überein gekommen, dass Magg vom Dach des Hochrieshauses aus Aufnahmen machen sollte. „Das Licht war ausgezeichnet, der Weitblick einfach super", erinnert sich der Fotograf an jenen Spätnachmittag im Herbst des vergangenen Jahres. Das Ergebnis ist nun auf der Panorama-Tafel zu bewundern. Oder anders ausgedrückt: 35 Gigabyte, 200 mm Brennweite, 130 Bilder in rund 30 Minuten, die mit einer Software zu einem Komplettbild zusammengesetzt wurden.

Doch das sei nur der erste Streich gewesen, berichten die beiden Sektions-Urgesteine. Nun habe man jemanden gesucht, der absolut sicher die Namen der Berge beherrscht. Und auch hier: gesucht – gefunden. Mit dem Pensionisten Rudolf Jauk haben sie abermals einen „guten Fang" gemacht. Der Ingenieur, der eigentlich Kartograf werden wollte, hat sich von Kindesbeinen an mit Landkarten beschäftigt. Heute, mit 75 Jahren, frönt er seinem Hobby immer noch. „Manchmal muss ich eingreifen, wenn ich absoluten Unsinn höre", gesteht dieser und seine Frau Siegrid nickt. „Wer von der Hochries den Plattensee oder gar den Großvenediger sehen will – nein, das ist ein kompletter Schmarrn. Das geht schon technisch gar nicht." Er hat sogar eine Formel erstellt, nach der man berechnen kann, ob man Berge, die sich hinter anderen verbergen, von einer bestimmten Stelle aus überhaupt sehen kann. „Und sie ist korrekt", freut sich der 75-Jährige diebisch. Was früher noch mühsam händisch auszurechnen war, gelinge nun per Computer mit einem Knopfdruck. „Das ist super." Und deshalb weiß er auch: Hochries und der Großvenediger oder der Plattensee – das geht einfach nicht.

Ihm mache es Spaß, die unbekanntesten Berge korrekt zu benennen, er sei halt ein „I-Tüpferl-Reiter", meint er. Doch da scheint er in guter Gesellschaft zu sein. Auch Fotograf Magg und die beiden DAV-Vorstände gehen in ihren Hobbys auf.