| Erstellt von OVB 07.06.2014 /Kirsten

Zwischen Idylle und Besucheransturm

Es ist kühl, steife Windboen wehen immer wieder über den Gipfel der Hochries. Dichte Wolken ziehen auf, bald wird alles wie in Watte gepackt sein.

Auf der Terrasse vor der Hochrieshütte sitzen noch einige Wanderer. "Das Wetter macht uns nichts aus", sagen sie und drängen zum Aufbruch. Sie sind auf dem Europäischen Fernwanderweg unterwegs. Nun geht es Richtung Tirol. Und während die einen gehen, kommen andere herauf und freuen sich schon auf eine gute Brotzeit.

Rosenheim/Samerberg/Landkreis - "Bei uns heroben ist immer etwas los", erklärt Hüttenwirt Florian Robl, der die Hochrieshütte im August 2011 als Pächter übernommen hat. Zwischen drei und zehn Personen kümmern sich um die Gäste, je nach Saison. "Wir sind ein Familienbetrieb, alle ziehen mit. Nur so geht es", sagt er.

Erste Erfahrungen in diesem Metier sammelte der gelernte IT-Fachmann bereits in jungen Jahren, als seine Mama über viele Jahre die Priener Hütte bewirtschaftete. Damals hat er in dieses Leben oben auf dem Berg hineingeschmeckt. Die wichtigste Voraussetzung, um hier sein Auskommen zu finden, sei ungeteilte Begeisterung, sagt er. "Ich genieße jeden Tag das traumhafte Panorama und die Atmosphäre auf unserem Plateau." Aber auch Stress und Hektik an schönen Sommertagen mit vielen Gästen und vielen Portionen Kaiserschmarrn mag er, auch wenn er dann keinen Blick mehr für die Berge hat. "Ich weiß, dass ich mich zu 100 Prozent auf meine Familie verlassen kann. Sie ist mein Rückhalt", erklärt Robl.

Die Hochrieshütte, die vor 100 Jahren als reine Schutzhütte für Skifahrer errichtet wurde, ist ihm ans Herz gewachsen, er ist zu ihrem "Kümmerer" geworden. "Ich bin hier ja nicht nur Wirt, ich versorge auch die Übernachtungsgäste und spreche mit den Stammtischlern." Er ist Mädchen für alles: Egal, ob es um den tropfenden Wasserhahn, die verstopfte Toilette oder die marode Dachrinne geht, er hat einen Blick fürs Notwendige und repariert es. "Hier am Berg darf man nichts auf die lange Bank schieben, sonst wird aus einem kleinen Problem schnell ein großes", weiß Robl.

Inzwischen ist aus der Schutzunterkunft von 1914 ein attraktives Berggasthaus geworden, das ganzjährig geöffnet ist. "Wir bieten 13 Betten und 30 Lagerplätze an. mit rund 2500 Übernachtungen. Über 30000 Gäste kommen pro Jahr zu uns auf den Rosenheimer Hausberg", wird er konkret. Doch die Ansprüche der Gäste steigen. Ohne zeitgemäße Ausstattung der Duschen oder einer verlockenden Speisekarte in der attraktiven Wirtsstube könne er nicht konkurrieren.

Die größte Gruppe der Besucher sind Senioren, die auch das meiste Geld bringen, gefolgt von Familien, kleineren Gruppen und Studenten. Deutlich auf dem Vormarsch sind Frauen, die vielfach auch alleine wandern. "Um allen gerecht zu werden, muss ich mein Angebot breit aufstellen", sagt der Wirt. Nur so komme er finanziell über die Runden.

Mit Zahlen kennt sich auch Dieter Vögele aus. Der ehemalige Banker hat sich als das perfekte Gegenüber für Robl entpuppt. Der Rosenheimer ist Schatzmeister des Deutschen Alpenvereins, Sektion Rosenheim, die 9000 Mitglieder hat. Der Sektion gehören zwei bekannte Hütten in der Region: Das Brünnsteinhaus und die Hochrieshütte, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

Vögele, der in jüngeren Jahren Touren im Himalaya unternommen hat, liebt die Berge. Oft kommt er auf die Hochries und trifft den Hüttenwirt. Dann besprechen die beiden auf dem "kurzen Dienstweg", was ansteht. Dabei geht es nicht nur um die Hochrieshütte. Die Sektion Rosenheim unterhält und pflegt in ihrem Gebiet Brünnstein und Hochries über 200 Kilometer Wanderwege und Bergsteige. Auch darum kümmert sich Vögele.

"Unser Rosenheimer Hausberg ist ein richtiger Sportberg. Hier wird gerne trainiert und beim Anstieg auf die Uhr geschaut." Das sei schon immer so gewesen.

Aber immer mehr Gäste, besonders diejenigen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, oder Familien mit kleinen Kindern, nehmen die Seilbahn. "Auch sie wollen den weiten Blick und die besondere Atmosphäre hier oben genießen, zumal es für kleine Kinder relativ ungefährlich ist", betont Vögele.

Die Seilbahn scheint nach turbulenten Jahren nun in ruhigeres Fahrwasser gekommen zu sein. "Wir wollen sie erhalten", gibt er ein klares Bekenntnis zur Bahn ab. Denn, da ist sich der gesamte Vorstand der DAV-Sektion einig, der Bergtourismus wird künftig in verschiedenen Formen auftreten. "Wir sind eine Freizeitgesellschaft geworden und haben Ansprüche." So frönen die einen im Team ihrem sportlichen Ehrgeiz und der Herausforderung, andere wollen abschalten vom beruflichen Stress und lassen es alleine geruhsam angehen. Wieder andere sind froh, dass es die Seilbahn gibt, denn nur so kommen sie in Gesellschaft mit Gleichgesinnten zum Gipfelerlebnis, während wieder andere darüber die Nase rümpfen. Sie fordern "Hände weg von der Natur" und sehen an der Hochries Grenzen überschritten. "Wir kämpfen für die Seilbahn", kontert das DAV-Vorstandsmitglied Vögele. Denn auch der Rückbau der Bahn sei teuer, außerdem sei sie für Drachenflieger und für die Versorgung der Hochrieshütte unverzichtbar. "Ich denke, es geht um leben und leben lassen. Die Hochries ist für uns alle da", sagt Vögele und macht sich auf den Weg nach unten.