© Florian Frank

Erstbegehung in Marokko

10.01.2026

Blick aus dem Dorf Taghia

Mit dem Ziel, dem trüben Dezemberwetter zu entfliehen und das Jahr mit einigen schönen Felstouren ausklingen zu lassen, machten sich Lukas (Lukas Buchberger) und ich (Florian Frank) auf den Weg nach Marokko – genauer gesagt in die Taghia-Schlucht. Von Tanger aus führte uns die Reise mit dem Mietwagen in das gleichnamige Berberdorf Taghia. Seit gut einem Jahr ist das Dorf über eine neu angelegte Straße erreichbar, die bei trockenen Bedingungen auch ohne Allradfahrzeug problemlos befahren werden kann. Bei Regen oder Schnee jedoch verwandelt sie sich rasch in eine lehmige Schlammpiste. Untergebracht waren wir in Saids Gîte, wohl die unter Kletterern bekannteste Unterkunft im gesamten Tal. Für 18 Euro pro Nacht wurden wir mit einem hervorragenden Frühstück und einer traditionellen marokkanischen Tajine zum Abendessen verwöhnt. Zusätzlich gibt es eine große Toposammlung mit nahezu allen originalen Routenbeschreibungen.

Unser ursprünglicher Plan für zweieinhalb Wochen in Taghia war simpel: einige der etablierten Klassiker wiederholen und anschließend in einem abgelegeneren Seitental nach einer möglichen Erstbegehung suchen. Nach den Informationen, die wir im Vorfeld hatten, schien das Potenzial für neue Routen direkt in Taghia selbst weitgehend ausgeschöpft. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite, sodass wir die folgenden Klassiker klettern konnten:

  •  Baraka
  •  Haben oder Sein
  •   Les Rivieres Pourpres
  •   Au Nom de la Reforme
  •  La Derniere Liberte
  •   A Boire ou Je Tue le Chien

All diese Touren können wir nur wärmstens empfehlen, fast durchgehend handelt es sich um geniale Wandkletterei in bombenfestem rotem Kalk.

„Au Nom de la Reforme“

Die wohl bekannteste Tour des Tales „Les Rivieres Pourpres“

Während der täglichen Nachmittagstee-Runde auf der Dachterrasse wanderte unser Blick immer wieder zur dominanten Nordwand des Jebel Oujdad. Auf der linken Seite der Nordwand befinden sich drei markante Pfeiler. Ein Blick ins Topo bestätigte unseren Eindruck: Mindestens zwei dieser Pfeiler schienen noch unerschlossen zu sein. So stiegen wir, schwer bepackt mit voller Ausrüstung, zur Wand auf. Am rechten Pfeiler fanden wir bereits bestehende Bohrhaken, weshalb wir unsere Aufmerksamkeit auf den mittleren Pfeiler richteten. Dort bot ein überhängender Verschneidungsriss im Einstieg eine logische und äußerst attraktive Linie und so beschlossen wir einen Versuch zu wagen. Am selben Tag gelang uns noch die Eröffnung der ersten Seillänge, motiviert kehrten wir ins Dorf zurück, um am nächsten Tag weiterzumachen. Über Nacht änderte sich das Wetter jedoch abrupt: Von etwa 15 °C auf Schnee und Tageshöchsttemperaturen von 6 °C. Dadurch wurden sowohl der Zustieg als auch das Klettern in der Route deutlich anspruchsvoller.

Jebel Oujdad NO-Wand

Insgesamt benötigten wir fünf Tage, um die fünf Seillängen ground up zu eröffnen und die 180 Meter zu klettern. Die Route wurde mit einer Mischung aus mobiler Sicherung (Cams, Keile, Schlaghaken) und Bohrhaken in den schwierigeren Plattenpassagen eingerichtet, wo natürliche Sicherungen nicht ausreichten. Am fünften Tag versuchten wir, die gesamte Route rotpunkt zu klettern. Abgesehen von der bouldrigen Schlüsselseillänge im Bereich von etwa 7c+ konnten wir alle anderen Seillängen rotpunkt begehen. Aufgrund von Zeitdruck und der sich weiter verschlechternden Wetterbedingungen mussten wir das Tal jedoch verlassen und konnten keinen zweiten Rotpunktversuch unternehmen.

Nichtsdestotrotz sind wir sehr zufrieden damit, eine so logische und von unten gut sichtbare Linie eröffnet zu haben, die durchgehend durch festen Fels und genussreiche Kletterei besticht. Der Routenname „Hawaii Girls“ bezieht sich auf die geplante Surfreise zur Küste als Kontrast zu unseren zweieinhalb intensiven Wochen in Taghia. Wir hoffen, dass bald eine weitere Seilschaft die Route vollständig rotpunkt klettern und auch die Schlüsselseillänge frei durchsteigen wird. Es folgen noch ein paar weitere Bilder:

Die Route: „Hawaii Girls“ (7c+ max., 7a obl.)

Klettern in der Tour „Baraka“ 

Gipfelbild Jebel Oujdad

Blick aus der „Baraka“ in den hinteren Teil der Taghia-Schlucht

Berberbrücke in der Taghia-Schlucht