Grönland-Expedition 2022

als krönender Abschluss des Expeditions-Kaders des Deutschen Alpenvereins

Jetzt ist es soweit! Nach 3,5 Jahren im Expeditions-Kader vom Deutschen Alpenverein hatten wir uns in allen Disziplinen weiterentwickelt, die ein Alpinist kennen sollte. Der krönende Abschluss wird eine Expedition, die wir im Kader gemeinsam planen und durchführen.

So eine Möglichkeit zu bekommen ist ein Traum, denn für solche Reisen braucht man viel Vorbereitung, finanzielle Unterstützung und das richtige Team.

Letztes Jahr, als wir zusammensaßen und über mögliche Ziele gesprochen haben, kamen verschiedenste Ideen auf: Vom schwierigen Höhenbergsteigen in Pakistan bis hin zum Bigwall-Klettern an den verlassensten Felsen auf Baffin Island. Wir mussten uns fokussieren: Welches Ziel ist realistisch und entspricht unserem Können?

Schon nach kurzer Zeit waren wir uns einig. Wir entschieden uns für ein Ziel mit technisch anspruchsvollem Gelände ohne Risiken wie Höhenkrankheit oder wochenlanges Warten auf ein optimales Wetterfenster. Am besten einen Playground für viele Möglichkeiten, sowohl für Tagestouren als auch für größere Aktionen. So fiel unsere Entscheidung auf Grönland!

Wir sind fünf junge, motivierte Kletterer, die Neuland entdecken und diese besondere Herausforderung gemeinsam meistern wollen. In Grönland gibt es bis zu 1200 Meter hohe Granitwände, die das Kletterherz höherschlagen lassen. Mit unserem erfahrenen Coach und ein Expeditionsarzt ist unser 7-köpfiges Team komplett.

Auch ein interessantes Erlebnis wird die Mitternachtssonne sein, die sich in Grönland in den Sommermonaten zeigt. Das ist ein Naturphänomen am Polarkreis, bei dem die Sonne 24 Stunden nicht untergeht und – so hört man aus Reiseberichten – die Grenze zwischen Tag und Nacht derart verwischt, dass man jegliches Zeitgefühl verliert.

Von einem Schweizer haben wir Insider-Informationen und Bilder bekommen, um einen geeigneten Fjord für unser Unternehmen zu finden.

Es ist letztendlich der Tasermiut Fjord geworden, der sich im Südwesten von Grönland befindet. Dieser Fjord ist in Grönland zwar bekannt zum Klettern, das Ziel der meisten Expeditionen sind aber die Bigwalls am Anfang des Fjords. Unsere Reise soll noch einige Kilometer weiter ins Landesinnere gehen, dort wo die Gletscherzunge das Meer berührt und der Kontrast zwischen be- wachsenen Felsen und Eis am stärksten ist. Juli und August sind die Monate, die sich hierfür am besten eignen. Zu dieser Jahreszeit hat es tagsüber zwischen 6 und 15 Grad und es ist die regenärmste Zeit. Das einzige Manko: Moskitos! Die Berichte lesen sich sehr erschreckend, was dieses nervenaufreibende Insekt betrifft. Unsere Vorbereitungen mit verschiedensten Mückensprays, Rauchspiralen und Hutnetzen werden hoffentlich das Schlimmste verhindern, wir werden es sehen.

Am Ende des Fjords gibt es wenige Kilometer entfernt ein namenloses Tal. Auf der einen Seite bauen sich sieben Gipfel auf, Tinnituup I bis VII, auf der anderen Seite der Hermelnbjerg mit seiner großen Ostwand. Weiter entfernt auf dem Gletscher erkennt man auf Karten immer wieder einzelne Wände, über deren Qualität man aber nur mutmaßen kann.

Das Ziel ist klar definiert!

Mit Ziel trainiert es sich leichter, heißt es und so ist es auch. Denn trainieren heißt, was wir sowieso gerne machen: Klettern, klettern, klettern. Am besten in Rissen, Granit oder Trad und dies konnten wir hervorragend in Cadarese (Italien), im Tessin (Schweiz) und in einigen weiteren Gebieten praktizieren. Zusätzlich war jedes Teammitglied noch individuell unterwegs und versuchte viele mobile Sicherungsmittel in Risse zu versenken und Rissklettermeter zu sammeln.

Rettungstechnisch muss jeder von uns in der Lage sein, einen Rückzug bis an den Wandfuß eigenständig zu bewältigen. Wir trainierten verschiedene Unfallszenerien in der Wand, um seiltechnisch eine große Trickkiste zu haben, sodass wir uns in jeder Situation helfen können. Auch die Erste-Hilfe-Kenntnisse wurden von unserem Arzt aufgefrischt. Es gibt auf Grönland einen Helikopter, aber für die Rettungskette kann man aber trotzdem ein bis drei Tage rechnen. Das heißt man muss in der Lage sein, sich selbst zu helfen.

In der Planung gab es auch einiges zu tun. Anders als bei einer Expedition im Himalaya mussten wir unser Basecamp mit Ausstattung, Verpflegung und Transport selber organisieren. Wir haben ein Boot organisiert, das uns und unser 800 Kilo schweres Gepäck von Narsarsuaq, dem Ort, auf dem wir erstmals grönländischen Boden betreten werden, direkt in unseren Fjord bringt und wieder abholt. Die Bootsfahrt wird 9 Stunden dauern. Die Kosten für den Transfer verschlingen mit 9000 Euro einen beachtlichen Teil unseres Budgets.

Ein Großteil unserer Ausrüstung und unserer Verpflegung wurde auf eine Palette beladen. Auf dem Speiseplan stehen vor allem haltbare Lebensmittel wie Nudeln, Quinoa, getrocknetes Obst/Gemüse, Nüsse aber auch Travelfood, das man nur mit Wasser aufgießt. Wir haben auch mehrere Angeln dabei, um hoffentlich unsere teils einfache Küche etwas aufzupeppen. Diese Palette geht einen Monat vor uns auf die Reise und wird in Narsarsuaq auf uns warten.

Der letzte Monat vor der Expedition wird wie im Flug vergehen. Ich habe meine Kollegen gefragt, was ihnen jetzt vier Wochen vor Beginn im Kopf umgeht:

In Summe überwiegt die Vorfreude aber auch Respekt vor einem solchen Unternehmen. Jetzt im letzten Monat werden wir mehr Richtung Umfang, Ausdauer und Alpinroutine trainieren. Außerdem steht jetzt auf dem Programm sich nicht mehr groß zu stressen und vor allem nicht mehr zu verletzen.

Der Plan steht! Unser Team ist motiviert!
Wir sind gespannt was uns erwartet. 

Fabian Hagenauer