| Erstellt von Sepp Müller

Traumhafte Hochtour auf den Piz Argient und den Piz Zupo, 29.07-31.07.2018

Vom 29. bis 31 Juli 2018 unternahm der DAV Rosenheim eine Hochtour ins Engadin. Die Ziele waren dort nicht die bekannten Gipfel Piz Palü oder Piz Bernina, sondern die versteckten Berge der Region, die man vom Tal aus nur schwer, oder gar nicht sieht.

Der Piz Argient  ist 3945 m hoch und ist vom Talort Morteratsch aus nur ganz im Hintergrund zu erkennen. Der Piz Zupo, der 3996 m hoch ist und als höchster Dreitausender der Ostalpen gilt, ist gar nicht zu sehen, er verbirgt sich hinter der Bellaviste Gruppe.

Am ersten Tag trafen wir uns um 8 Uhr am P&R Parkplatz in Pfrauendorf. Wir bildeten eine Fahrgemeinschaft und fuhren mit nur einem Auto, das mit fünf Mann besetzt war, ins Engadin. Die Autofahrt ging immer dem Inn aufwärts folgend, bis fast zu seiner Quelle, nach Pontresina. Kurz vor der Schweizer Grenze legten wir noch eine Kaffeepause ein, an diesem Tag hatten wir nur einen Hüttenzustieg vor, sodass wir recht gemütlich unterwegs waren. Am großen Parkplatz an der Bahnstation Morteratsch, der sich in der Nähe von Pontresina befindet, sind wir kurz nach Mittag angekommen. Die Bergwelt des Oberengadin empfing uns mit wunderschönen Wetter und einer großartigen Gipfelshow.  Die Parkgebühr für die nächsten 3 Tage hatte - wie erwartet - schweizer Preisniveau.

Die Rucksäcke wurden nun für den Aufstieg hergerichtet, der ein oder andere aß und trank noch ein bisschen von den im Auto mitgenommen Vorräten. Dann ging es los Richtung Boval Hütte, das Ziel an diesem Tag. Der Aufstieg ist mit zwei Stunden angegeben, und ging zuerst vorbei am Bahnhof Morteratsch in ein Seitental vom Val Bernina. Der Startpunkt liegt auf knapp 1900 Meter. Zuerst steigt man an der Westseite des Tals etwas auf, bevor der Weg nach Süden in das Tal zieht. Meist hinter der großen Seitenmoräne des Morteratschgletschers, der sich in den letzten Jahren ziemlich zurückgezogen hat. Der Weg ist mit wunderschönen Aussichten auf das Palümassiv  und den Bellavistabergen garniert. Die Bovalhütte erreichten wir nach eindreiviertel Stunden. Sie liegt auf ca. 2500 Meter in mitten einer schönen Grasmattenregion oberhalb der Baumgrenze, mit vielen Murmeltieren. Die Hütte ist einfach, aber praktisch eingerichtet, versorgt wird die Hütte mit dem Hubschrauber, dementsprechend sind die Preise. An diesem sehr warmen Tag konnten wir noch lange auf der Terrasse der Hütte verbringen und uns die Gipfelschau, bei Kaffee und Kuchen, zu Gemüte führen. Ich als Guide der Gruppe, konnte mich von einem einheimischen Bergsteiger über die, momentan beste Route über den Morteratschgletscher, informieren lassen. Auf der Boval Hütte gab es dann ein Nachtessen, wie die Schweizer sagen, das aus 4 Gängen bestand Suppe, Salat, Spagetti Bolognese und Pfirsich mit Schokostreuseln.

Um 03:45 Uhr war die Nacht zu Ende. Frühstück gab‘s um vier Uhr, es bestand aus Brot, Marmelade, Käse und Müsli. Dazu gab es Tee oder Instant Kaffee. Etwas müde zogen wir dann um 04:45 Uhr von der Hütte los. Es war noch dunkel, so hatte jeder seine Stirnlampe auf dem Kopf, wir gingen denn alten Weg Richtung Morteratschgletscher Richtung Süden, bis der Weg auf die Moräne führte. Auf der anderen Seite der Moräne verliert sich der Weg dann nach und nach im Steingewirr, das auf dem Gletscher liegt. Wir holten noch ein wenig nach Süden aus, bis wir in südöstlicher Richtung den Gletscher überquerten. Der Tag war nun angebrochen und die Stirnlampen konnten ausgeschalten werden.  Auf der anderen Seite war ein Wasserfall, der uns einen Richtungshinweis gab. Als wir dort ankamen, sind wir noch ein Stück nach Süden, denn dort war die Moräne etwas steiniger und weniger schottrig, so dass wir auf den Moränenkamm gut hochkamen. Auf dem Moränenrücken ging es dann wieder in die andere Richtung und mit noch einem kleinen Anstieg auf einen älteren Teil der Moräne erreichten wir ein flaches Gelände, das mit hohem Gras und Blumen bewachsen ist und sogar ein kleiner See befand sich dort. Hinter diesem See fing dann wieder ein Weg an, der uns auf die Isola Pers führte. Ab dem Punkt 2720 folgten wir den Steinmännern bis zum Rand des zweiten Gletschers des heutigen Tages. Der Fortezza Gletscher war ab der Hälfte noch mit Schnee bedeckt, das hieß, wir seilten uns an. Diesem Gletscher folgten wir aufwärts in Richtung Fortezza Grat. Die steile Felskante des Grates konnten wir gut sehen, so dass es mit der Orientierung keine Probleme gab. Beim Punkt 3186 m fing der Grat an. Zuerst recht einfach, bis wir zum ersten Steilaufschwung kamen. Diese luftige Kletterstelle überwanden wir mit alt bekannter Klettertechnik. Der erste wurde im Vorstieg gesichert, bis zum ersten Kletterstand, dieser hatte einen Bohrhaken als Fixpunkt, am Fortezzagrat waren alle schwierigen Stellen mit Bohrhacken versehen, dann kamen die anderen im Nachstieg hoch. Dieses Spiel wurde im weiteren Verlauf des Grates noch zweimal wiederholt. Die Gratabschnitte dazwischen sind leichter und konnten frei erklettert werden. Der Grat endet oben auf ca. 3480 m, dort verschwindet er in den Eismassen der Bellavista. Ab da gingen wir wieder als Gletscherseilschaft mit Steigeisen an den Füßen weiter. Zunächst Richtung Süden, bis wir auf ca. 3600m, die Eisbalkone der Bellavista nach Westen hin queren konnten. Die Mittagsonne und die große Höhe machten sich jetzt stark bemerkbar, so dass wir nur langsam vorwärts kamen. Am sogenannten Bellavista-Eck erreichten wir für den heutigen Tag die größte Höhe mit ca. 3700 m. Dort ist der Weg nur wenige Meter von den senkrechten Gletscherabbrüchen der Eisbalkone entfernt. Er wird wohl in den nächsten Jahren immer enger werden.

Von dort ging es nun wieder steil nach unten in das oberste Gletscherbecken des Morteratschgletschers. Dann querten wir leicht fallend das Becken bis uns ein Gletscherbruch, der von der „Forcula dal Argient“ herunterkam. Wir folgten einer bestehenden Spur, da der Schnee auch in dieser Höhe sehr weich war, in den Gletscherbruch. Diese Spur endete an einer Großen Spalte mit einem mannshohen Absatz und einer schmalen Eisrippe.  Mit Einzelsicherungstechnik konnten wir dieses Hindernis überqueren und konnten uns so viele Höhenmeter sparen, die uns die Alternative Umgehen-des-Eisbruchs gekostet hätte. Die letzten Meter zur Hütte waren dann wieder leicht ansteigend, aber einfach zu bewältigen. Wir kamen gegen 15 Uhr auf der „Marco e Rosa“ Hütte an, die auf 3600m liegt. Die Hütte wurde im Jahr 2002 renoviert, könnte aber schon wieder eine Renovierung vertragen, außerdem herrschte großer Wassermangel auf der Hütte. Die Hüttenwirtin ist aber sehr freundlich, die Lager bekamen wir auch gleich und die Minestrone am Nachmittag hat wieder alle Lebensgeister geweckt. Man merkt, dass die Hütte bereits in Italien liegt, teures Bier, billiger Wein. Später am Nachmittag gab‘s noch ein kleines Gewitter, das wir gemütlich im Lager liegend hörten. Die Sanitäreinrichtungen auf der Hütte sind sehr spartanisch, aber was will man schon erwarten bei einer Hütte, die so hoch liegt und nur schwer zu erreichen ist (von allen Seiten).  Das Abendessen gab‘s dann um 19 Uhr, bestehend aus Suppe oder Pasta, Hauptgericht und Nachspeise.

Die Nacht auf dieser Hütte war dann ein bisschen länger, denn das erste Frühstück gab‘s erst um 5 Uhr. Bis wir die organisatorischen Dinge alle erledigt hatten, war es bereits 6 Uhr, als wir von der Hütte losgingen. Diesmal konnten wir uns die Stirnlampe sparen, da es um diese Zeit bereits hell war.

Unser Weg führte uns im ersten Teil zurück, von wo wir am Vortag hergekommen waren, wir umgingen aber von dieser Seite den Gletscherbruch unterhalb der letzten Schründe und stiegen anschließend sehr steil im tiefen Schnee, der in der Nacht nicht durchfror, sodass ich immer wieder als erster eingebrochen bin und eine klassische Spurarbeit hinlegen musste. Erst auf der Höhe von ca. 3700 m trug der Schnee und der Weiterweg gestaltete sich etwas einfacher. Nun ging es Richtung „Forcula dal Zupo“. Auf der rechten Seite der Piz Argient, auf der linken der Piz Zupo. In einer Höhe von ca. 3850 m zog ich auf die Westseite des Piz Argient, um über seinen Nordwestgrat auf den Gipfel zu kommen.

Am Grat angekommen lösten wir die Gletscherseilschaft auf und gingen über den Grat zum Gipfel. Im Mittelstück des kurzen Grates, auf ca. 10 Höhenmeter, wurde es steil. Ich schätze ca. 50 Grad, aber man konnte gute Tritte setzen. Der Gipfel selber ist eine kleine Felshaube, die leicht zu erklimmen ist. Nach einer kleinen Pause - trinken, fotografieren, die grandiose Aussicht genießen - stiegen wir direkt zur „Forcula dal Zupo“ ab. Dieser Teil war an der einen oder anderen Stelle sehr ausgesetzt, konnte aber auf der Südseite der kleinen Wechte gut umgangen werden. Vom Einschnitt zwischen den beiden Bergen ging es gleich auf der anderen Seite - immer steiler werdend - an den Südwestgrat des Piz Zupo.

In leichter Kletterei, bis auf eine kurze Stelle, die mir etwas schwieriger vorkam, ging es nun zum Gipfel des höchsten Dreitausenders der Ostalpen: 3996 m. Am Gipfel trinken, einen Happen essen und die Aussicht genießen. Von dort sah man, dass er eindeutig höher ist als der Piz Palü Hauptgipfel.

Wir hielten uns ein wenig am Gipfel auf, das Wetter war wunderbar. Keine Wolke am Himmel, es gab keinen Wind und so konnte man sich ganz der Aussicht und Rundumsicht widmen. 

Um ca. 9:15 Uhr stiegen wir vom Gipfel ab. Nun begann der lange Abstieg ins Tal, über die gleiche Route, die wir am Vortag hochgekommen waren.

An der „Forcula dal Zupo“ seilten wir uns wieder an und gingen zurück bis zum Bellavista-Eck, dort mussten wir wieder ca. 100 Höhenmeter aufsteigen, bis wir die Querung nach Osten, über die Eisbalkone der Bellavista antreten konnten und schließlich von oben auf den Fortezzagrat zusteuern konnten. Der Schnee war bereits sehr weich und man musste größte Aufmerksamkeit wegen der Gletscherspalten walten lassen. Der Fortezzagrat wurde nun von oben überwunden.  An den Stellen, die wir am Vortag hochgeklettert sind, haben wir uns abgeseilt, aber bei 5 Mann die sich hintereinander abseilen, dauerte der Abstieg bis zum unteren Ende das Grates ziemlich lange. So gegen 14:30 Uhr am Nachmittag waren wir dann am oberen Ende des Fortezzagletschers. Das Wetter spielt mit, denn wir hatten am Nachmittag eine starke Quellbewölkung, aber kein Gewitter oder Regen. Als wir über den Gletscher in Richtung Isola Pers abstiegen erwischte ich zweimal eine verdeckte Spalte, in dieich mit einem Bein einbrach, aber Gott sei Dank nicht komplett rein fiel.

Es machte sich jetzt auch der Abstieg bemerkbar, denn die Oberschenkel fingen, von dem langen Abstieg an zu schmerzen.  Als wir an der Moräne vom Morteratschgletscher ankamen, den wir wieder überqueren mussten, um zur Boval Hütte zu gelangen, kletterten wir diesmal direkt vom Moränenkamm zum Gletscher ab, ohne nach einem optimalen Weg zu suchen. Nach dem Motto: „Runter geht‘s im Schotter besser als rauf“. Auf der anderen Seite des großen Gletschers sahen wir schon von weiten den Weg, der uns zur Hütte führt und wir steuerten direkt auf ihn zu. Um 17 Uhr sind wir dann auf der Boval Hütte angekommen und machten dort eine große Pause. Viel trinken und ein bisschen essen war nun angesagt,  denn der Weiterweg ins Tal dauerte ja auch noch knapp zwei Stunden.

Um 18 Uhr traten wir den letzten Wegabschnitt an, von der Hütte zum Parkplatz, den wir dann um 19:30 Uhr erreichten. Umziehen fürs Auto und noch die letzten Reserven austrinken, dann ging die Fahrt zurück nach Rosenheim. Bei der Fahrt durch die Schweiz war sehr wenig Verkehr, erst ab Österreich sind die LKW’s und Autos wieder in gewohnter Weise auf der Straße zu sehen gewesen. Den ersten Bergsteiger ließen wir bereits in Erl an seinem Haus aussteigen, dann um 00:30 Uhr kamen wir schließlich an unserem Treffpunkt an, und die letzten Kilometer fuhr dann jeder für sich nach Hause.

Die Tour war ein voller Erfolg, wir hatten beide Ziele, Piz Argient und Piz Zupo, erreicht. Wir hatten die ganze Zeit schönes Wetter,  keiner der Teilnehmer noch ich haben sich verletzt. Nur mit angespannten Oberschenkeln und ziemlich müde sind wir zurückgekommen.

Die tollen Erinnerungen an diese traumhaft schöne Hochtour, bei der alles geboten war, was eine Tour auf hohe Berge bieten kann, wird uns noch lange bleiben.