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Die Pizzo Badile Nordkante, ein Meisterwerk aus Granit

Es war einer der ersten Traumtouren auf unserer RoBergAktiv Gruppenwunschliste, die Piz Badile Nordkante – und es muss gesagt werden: zu Recht! 
Bestätigt wird diese Einschätzung von der Felskante des Bergell durch Stefan & Poldi, Manfredo & Sven und wenige Tage später auch noch von Viola & Heinz. In der schweizerisch-italienischen Bergwelt aus rauem Granit zieht die Nordkante sich elegant dem Himmel entgegen und folgt einer Linie, so formschön als wäre sie für Bergsteiger geschaffen. 
Viel haben wir uns in der Gruppe über dieses Vorhaben ausgetauscht. Viele hatten eine der beiden Hauptlinien auf den Piz Badile, entweder die Cassin-Route oder die Nordkante, bereits vor uns geklettert. Die Cassin-Route gilt dabei als die technisch etwas anspruchsvollere Variante, während die Nordkante vor allem durch ihre Linienführung und die einen Kilometer lange Gratkletterei begeistert. Bedenken in der Vorplanung ergaben sich allerdings aus der enormen Länge der Tour mit 29 Seillängen. Zum einem gibt es bei aufziehenden Gewitter keinen wirklich akzeptablen Plan B und zum anderen aus der Staugefahr wegen der großen Beliebtheit der Tour. Nach eingehender Beratung, unter anderem bei unserem Stammtisch, war schließlich klar: Man kann auf die Cassin-Route ausweichen, wenn die Nordkante überfüllt ist und Plan B für den wetterbedingten Rückzug ist Flucht nach oben ins Biwak oder abseilen nach unten. Kein guter Plan B, wir hofften auf stabiles Wetter. 
Anreise ins Bergell, dann bei Bondo hoch auf Parkplatz Nummer 1 und nach eineinhalb Stunden saßen wir schon auf der Sasc-Furä-Hütte, bei Schokokuchen, Bialetti-Kaffee und exzellentem Kantenpanorama. Die Rucksäcke verstaut wurde noch der Zustieg auskundschaftet und ein wenig in der grünschimmernden Granitfelswelt herumgeturnt. Der nächste Tag war stabil angesagt und wurde es auch. Plan B nicht nötig, Plan A umsetzen.

Frühstück um 4, Aufbruch um 4:30 und zum Sonnenaufgang am Anseilplatz – läuft. Die Cassin war rappelvoll mit Seilschaften, also aufi auf den Grat. Anfangs noch mit Zustiegsschuhen unterwegs, wird irgendwann auf die größten Kletterschlappen die man hat (29 Seillängen) gewechselt und dann die Kletterei auf festen, griffigen Granit genossen. Hier und da eine Platte: Schleich, schleich. Dann mal ein Aufschwung zum festen Zugreifen und hier oder dort ein wohlgeformter Riß zum Hangeln und für unsere Friends (Klemmgeräte zum sichern) -  Genußklettern wie man es sich vorstellt. 
Die Nordkante fordert trotz der verhältnismäßigen einfachen technischen Schwierigkeiten Konzentration und Respekt, belohnt jedoch mit einem einzigartigen Gefühl von Freiheit durch die allseits vorhandene Weite. Die Luft ist auf über 3000 Metern nicht nur dünn, sondern auch gefühlt überall. Steile Grate haben das wohl so an sich ;-). 
Gegen Mittag kracht es mehrmals unglaublich laut in den umliegenden Gebirgsketten und große Felsstürze donnern herunter, die Bruderberge des Piz Badile, insbesondere der östlich gelegene Piz Cengalo, sind instabil durch den Klimawandel geworden und bröckeln ab. 
Wir erklimmen das obere Drittel der Tour. Am Gratabschnitt Ziegenrücken angekommen, kann man sich ein freudiges „Mähhhh“ nicht verkneifen. Es wird immer noch luftiger, bis schließlich der Gipfelmetallspitz (?!) erreicht ist. Ein Kreuz findet sich erst im unteren Teil des Abstieges bei den letzten zwei Absteilstellen. Warum? Wiso? Ist halt so!  

Angekommen auf der Gianetti Hütte, und es gibt italienischen Espresso, Pasta und einen wunderbaren Hüttenwirt: un autentico rifugista italiano, cordiale e appassionato! Wir verbringen eine italienische Nacht bevor es zurück auf die Schweizer Seite des Bergkammes geht. 
Von da an trennen sich die Begehungsrouten der beiden Seilschaftsgruppen. Während die ersten vier den Weg ins Tal wählen, an den Wegelagerer-Eseln vorbei, und mit dem Taxi durch das herrliche Val di Mello zum Ausgangspunkt zurückfahren, nehmen Viola und Heinz den Passo Porcellizzo und di Trubinasca a pe (rätoromanisch für „zu Fuß“) zurück zum Parkplatz oberhalb von Bondo. 
Was bleibt? Es gibt wohl viele sehr schöne Routen in einem Bergsteigerleben und die Erinnerungen daran sind oft pastellfarben, schemenhaft wie ein impressionistisches Bild. Diese Bergfahrt über die Nordkante hingegen erlebt man optisch und emotional wie den Pinselstrich eines Meisters: klar und kompromisslos in einem Schwung. Dabei wird einem bewusst, warum die Nordkante des Pizzo Badile seit Generationen als eine der schönsten Klettereien der Alpen gilt – und warum sie einen Platz auf jeder alpinen Wunschliste verdient.