5 Personen (Judith, Karin, Andi, Ralph & Sven), 5 Rucksäcke und jede Menge Ausrüstung für Schnee und Eis, da war das Auto voll und so ging es auf zur höchste Straße Europas, die auf den Rettenbachferner in Sölden auf 2800m endet.
Ein kurzer, aber anstrengender Zustieg zur Braunschweiger Hütte und da war er nicht der Gletscher, den wir für unsere Eisschrauben so gut hätten brauchen können. Schuld war aber nicht der dramatische Gletscherrückgang, sondern zu viel Schnee, der im Mai noch gefallen war und das blau schimmernde Eis verdeckte.
Wir hatten uns entschieden zu Beginn der Hochtourensaison ein Übungswochenende durchzuführen, aber das ganz entspannt und so starten wir sehr motiviert mit einem Mittagessen gefolgt von einigen anregenden Gesprächen, die man als Grundlagentheorie auslegen könnte 😉. Als selbstorganisierte Gruppe richten wir uns nach den Inhalten der Alpenvereinsliteratur (Alpin-Lehrplan 3 / Hochtouren – Eisklettern) sind aber keine Ausbilder oder Fachübungsleiter und wollen auch nicht die Sektionsausbildungen kopieren oder ersetzen. Wir können dadurch aber auch die Inhalte auf unsere Gruppenzusammensetzung gestalten und abstimmen.
Am frühen Nachmittag hatte sich das Wetter deutlich gebessert und im angefeuchteten Firn suchten wir einen steilen Hang für Geh- sowie Fall-/Rutschübungen. Anfangs ist es noch einfach in die stoppende Liegestützposition zu kommen, wenn man ganz auf dem Rücken startet, wird es schon anspruchsvoller.
Anschließend stellten wir fest, dass nicht jeder Firnanker in dem losen Schnee und geneigten Gelände hält. Speziell die kurzen Super-Leicht-Pickel sind anfällig. Es brauchte schon eine gute Tiefe. Erst als der eingegrabene Pickel gut verfestigt und durch eine Person gesichert wurde, ließ er sich nicht mehr losruckeln. Und auf einmal machen die Zeilen des Alpin-Lehrplan von Eingrabe Tiefen bis zu einem Meter (das sind einhundert Zentimeter!) bei weichem Schnee und das Umwickeln mit Kleidungsstücken einen Sinn. Wir haben allerdings auf den Praxistest der Variante mit unser Wechselwäsche verzichtet.
Samstag. Das Wetter nur bis maximal 14:00 Uhr akzeptabel, brechen wir nicht gerade früh aber ausreichend auf unsere Gipfeltour auf. Zum Linken Ferner Kogel sind es knapp 2 Stunden.
Wir sind im Zug unterwegs, der Schnee ist schon sulzig und die Spur nicht fest. Ein stetiges Einsinken und Wegrutschen das kaum zu vermeiden ist, es kostet viel Kraft, Konzentration und Frustrationstoleranz. Hochtouren fordern oft einiges an Widerstandskraft und testen die körperlichen Grenzen, einen kleinen Vorgeschmack erfahren wir.
Der Blick zurück, wir haben unser Mittagessen redlich verdient.
Der Wettereinbruch kommt und wir beschließen das Erlebte bei einem schönen Mittagsschläfchen zu verarbeiten. Solche kurzen Touren und flexible Zeitpläne haben schon Vorteile.
Am Nachmittag sitzen wir wieder an unserem Tisch in der Gaststube, sprechen die verschiedenen Varianten der Gletscherbergung durch und spielen mit Pfeffer- und Salzstreuer die Positionen der Seilschaft durch. Irgendwie ist es das nicht. Wir beschließen vor die Hütte zu gehen und auf der Terrasse die Sache konkret anzugehen.
Jetzt sind die Abläufe einfacher nachzuvollziehen und es ist Raum vorhanden, die kleinen Unterschiede in unserem Wissen und Vorgehen wahrzunehmen. Nachdem die Grundsequenz funktioniert, variieren wir Kleinigkeiten, wie z.B. den Rettungskarabiner durch eine Seilklemme (MicroTraktion) zu ersetzen oder welche Karabinerart besser durch den Verunfallten bedient werden kann.
Mit Ralph haben wir einen ehemaligen Fachübungsleiter und hochtourengestählten Bergmann im Team und er zeigt uns eine Variation per Gardaklemme eine Rücklaufsperre einzubauen. Das Seil ist gegen Rücklauf gesichert und es kann ein Flaschenzug aufgebaut werden. Sehr praktisch, gerade wenn nur einer den Gestürzten hochzieht.
Es ist spät geworden, wir beschließen am nächsten Tag einen Praxistest am Gletscher zu machen, einen passenden Abbruch hatten wir bei unserer Gipfeltour schon ausgemacht. Der Ansatz ist “mach es nur einmal, aber dann richtig”.
Judith ist verschwunden und obwohl wir sie nicht mehr sehen können, wissen wir sie ist weiterhin mit uns verbunden. Da ist ein Band zwischen uns 8,9mm stark und egal wie es ihr auch gehen mag, wir halten sie.
Andi baut den Anker der Gemeinschaft und ist nun der unverrückbare Fixpunkt. Jetzt ist klar das wird ein Job unter Frauen. Karin begibt sich auf die Suche. Selbstgesichert, selbstbewusst und entschlossen vertraut Sie ihrem Spürsinn sie wird unsere Bergkameradin finden. Immer am Seil entlang geht es bis zu einer gefährlich aussehenden Kante. “Hallo” und aus der Tiefe kommt zurück “Karin?!, es geht mir gut”. Was für eine Erleichterung!
Bei strahlendem Sonnenschein geht es zurück zum Ausgangspunkt. Bevor wir am Rettenbachjoch ankommen, wird noch die Aussicht genossen und der Lichtschutzfaktor nachgebessert. Ein schöner Abschluss des Wochenendes.
Zurück am Parkplatz nimmt uns Ralph, der schon voraus gegangen war und das Auto für den Rest günstiger positionierte, in Empfang und wird dann auch ausgiebig geherzt.
Auf Tour ist Praxis angesagt, wie gut, wenn diese theoretisch fundiert und eingeübt ist.
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